Monatsarchiv: November 1989

Mein November 1989

Wir schreiben das Jahr 2014 nach Christi Geburt, es ist ein Jahr der politischen und persönlichen Rückblicke wie etwa in der kürzlich ausgestrahlten Dokumentation über das Leben von Jan Josef Liefers, der sein halbes Leben im Osten halb im Westen verbrachte. Der Anfang des ersten Weltkriegs liegt 100 Jahre zurück, der zweite 75, zwei historische Daten, die weit vor meiner Zeit liegen. Doch an den Mauerfall vor mittlerweile 25 Jahren erinnere ich mich noch sehr gut und ich weiß bis heute genau, wo ich mich damals aufgehalten habe und was ich an diesem historischen und weltweit wohl immer noch einzigartigen Tag gemacht habe.

Ich fange an mit einem gedanklichen Sprung in die 80er Jahre mit der Vokuhila-Frisur, mit modischen seidenen Oberhemden für Männer, mit Schulterpolstern, mit schmalen Lederkrawatten, mit Liedern wie ‚We didn’t start the fire‘, ‚Don’t worry, be happy‘ oder auch den amerikanischen Schlager ‚Looking for freedom‘. Die Top Ten im Osten bestanden ausschließlich aus deutschen Liedern von den Puhdys oder Silly. Es gab keine Handys, eher Telefone mit einer Schnur hängend mit Wählscheibe oder etwas fortschrittlicheren Tasten. Computer gab es schon, ich war noch zwei Jahre entfernt von dem Besitz meines ersten 286ers, wie es damals hieß. Windows war noch nicht erfunden oder nicht weit verbreitet, Kohl war Kanzler, ich ging in die Lehre zu einer Zeit, wo Kontoauszugsdrucker gerade eingeführt wurden. Musik gab es auf Schallplatte und CD, alle Teenager besaßen ein Tape-Deck, mit dem zu den Jugendprogrammen aus dem Radio alle Art von Musik mitgeschnitten wurde. Jede Aufnahme ohne Kommentar des Moderators feierten wir auf den Parties, wo wir viel Zeit mit Hin- Herspulen verbrachten, damit die Musik uns in die richtige Stimmung bringen konnte.

Das Leben und der Alltag waren geprägt von der weltweiten Spaltung in West und Ost. Die Amerikaner mit der Nato auf der westlichen Seite mit der sozialen Marktwirtschaft, wo Angebot und Nachfrage die Märkte beherrschten. Der gesamte Osten wurde gesteuert über die Planwirtschaft, was mit Wartezeiten für Wohnungen, Autos und Telefonanschlüsse in Jahren verbunden war.

Doch dann überschlugen sich die politischen und damit auch die persönlichen Ereignisse zahlreicher Bürger deutscher Herkunft. Die Grenze wurde nach vielen vielen Jahren der strikten Kontrolle auf einmal porös und durchlässig. Der Kommunismus befand sich auf dem damals noch unerkannten Rückzug, die Bürger wollten ihre Freiheit zurück, die Ausreisen von Ost nach West nahmen immer mehr zu. Die Leute oder besser das Volk waren den Kommunismus satt ohne Ende und kämpften gegen den Staat, gegen die Partei, gegen die Überwachung und gegen das System. Dieses Unterfangen war nicht ganz ungefährlich, doch die Entschlossenheit des Protests überrollte alle. Eine deutsch-deutsche Wiedervereinigung war 1988 noch undenkbar, wenn auch vorstellbar, aber ein Rezept oder Konzept dazu hatte bis weit hinein in 1990 keiner in der Tasche.

Jeder DDR-Bürger bekam von Banken und Sparkassen gegen Vorlage eines Ausweise sogenanntes Begrüßungsgeld ausgezahlt, worüber dann frei verfügt werden konnte.

Jeder DDR-Bürger bekam von Banken und Sparkassen gegen Vorlage eines Ausweise sogenanntes Begrüßungsgeld ausgezahlt, worüber dann frei verfügt werden konnte.

Ich bewohnte am 09.11.1989 mein Kinder- und Jugendzimmer bei meinen Eltern. Gegenstand vom damaligen Luxus stellte mein eigener kleiner Fernseher mit Kabelanschluß dar. Ich war immer schon politisch interessiert und wälzte mich zu der Zeit jede Woche durch mehrere hundert Seiten des Nachrichtenmagazins ‚Der Spiegel‘. Abends lief der Fernsehen und faßte die aufregenden Ereignisse des Tages zusammen, denn ein Internet als Nachrichtenquelle für jeden frei zugänglich verbreitete sich erst in den 90er Jahren. Der 9. November fiel auf einen Donnerstag, am nächsten Tag mußte ich zur Schule, die Fotografie gehörte damals zu meinem liebsten Hobby, doch die Qualität leider nicht vergleichbar mit der heutigen. Filme, die in die Kameras gehörten, gab man zur Entwicklung in ein Fotolabor, ich selbst besaß eine eigene Dunkelkammer. Ich konnte also schnell und günstig meine Ergebnisse ansehen und hatte im Idealfall nach einer Stunden ein fertiges analoges Foto in Papierform in meiner Hand.

Ein normaler Fernsehabend bestand an einem Donnerstag in den 80ern aus dem Schaufenster am Donnerstag, was im ZDF lief. Dazwischen irrten die Mainzelmännchen über den Schirm und trugen genauso zur Unterhaltung bei wie Hans Rosenthal mit seinem Spitze-Sprung oder Wilhelm Thoelke mit seiner Ratesendung und Wum und Wendelin, was an jenem Abend mit einem DFB-Pokal-Spiel konkurrierte. Was ich jetzt genau an diesem Tag gesehen habe, kann ich nicht sagen, doch die Nachricht von der Grenzöffnung erfuhr ich definitiv noch am Abend aus der Glotze und konnte es wohl genauso wenig fassen wie alle Bürger in Westdeutschland, alle Politiker weltweit, wie manch einer Grenzbeamte und wie so viele Bürger jenseits der Mauer. Die Mauer teilte auf einer Länge von knappen 1.400 km Deutschland und fast die Welt in zwei unüberbrückbare Hälften wie eine tiefe Narbe im politischen und alltäglichen System. Nun stand sie offen, in beide Richtungen, für alle, von heute auf morgen, es war unfaßbar, für mich, für meine Familie hier, für meine liebe Verwandschaft drüben, für alle 80 Millionen deutschen Bürger. Selbstverständlich meldeten sich schnell alle Politiker zu Wort und wollten entweder rasch oder besonnen handeln, aber zunächst war die Freiheit neu definiert worden. Die Reisemöglichkeit bestünde ab sofort, es war keine eindeutige Ansage damals, aber die ostdeutschen Politiker waren verunsichert, von dem Druck ihrer Bevölkerung, von den Demonstrationen, von der Friedfertigkeit, von der wachsenden Wut und damit auch Entschlossenheit mit allem Willen die Welt zu einen, die Freiheit zu bekommen, zu spüren, sie zu behalten und dieses Abenteuer der Geschichte nie wieder zu wiederholen.

Es war irgendeine Zeit zwischen 20:00 Uhr, der allabendlichen Tagesschau und 22:00 Uhr, als diese Nachricht Deutschland, Europa, die vier Besatzungsmächte, die ganze Welt traf. Nein, fassen konnte ich es wahrlich nicht. Ich freute mich für uns, für die da drüben und für diesen gewonnenen Kampf, der mit friedlichen Mitteln geführt wurde. Die Geschichte ließ mich dieses Ereignis bei vollem Bewusstsein und Verstand erfahren. Einmalig, so etwas kommt nicht wieder, aber bisher waren es nicht mehr als Bilder aus dem Fernsehen. Doch ich wollte mehr, ich wollte es erleben, dabei sein, jubeln, willkommen heißen und, ja auch fotografieren. Am Freitag musste ich zur Berufsschule, da wollte und konnte ich nicht fehlen. Wie ich heute noch meinen EDV-Lehrer höre – ‚Bankers are always prepared.‘ Ich rechnete mir die Fahrt kurz durch. Bis Lübeck benötige ich mindestens eine Stunde, ob ich dort bis zum Grenzübergang komme, ist ungewiß, aber Lübeck befand sich im Zonenrand, bis dahin muß ich auf jeden Fall. Morgen früh muß ich früh aufstehen, zur Schule, aber der Blockunterricht ist nachmittags herum, da könnte es gehen und ja nicht die gute Canon AE-1 vergessen. Leider bevorzugte ich damals noch das Normalobjektiv, heute würde ich daraus eine ganz eigene Reportage machen. Aber ich hatte die Kamera dabei und machte ganze fünf Fotos an einem Abend, wo ich aus heutiger Sicht wohl eher 5.000 gemacht hätte. Ob die Auswahl dann besser wäre, lasse ich mal offen.

Freitag Nachmittag war es soweit, die Grenze war tatsächlich nach den Fernseh- und Rundfunkberichten immer noch offen, die Bürger durften reisen und wurden sogar mit Bargeld begrüßt. Das Begrüßungsgeld stand jedem Bürger der DDR zu und wurde über die Banken ausgezahlt. Es handelte sich um eine Summe von einigen DM, was ungemein besser war als die gleiche Summe in der damaligen Ostmark. Ein Nachbar und ich fuhren zusammen mit einem Auto von Kiel nach Lübeck ins historische Abenteuer meines Lebens. Unterwegs hörten wir ununterbrochen Radio, die genauen Reportagen sind mir heute nicht mehr bekannt. Aber sämtliche Straßen rund um den Grenzübergang müssen dicht gewesen sein. Die Geschäfte auf Westseite verbuchten nicht nur direkt nach der Grenzöffnung den Umsatz ihrer Existenz. Gefragt war alles, was es nicht ausreichend in der DDR gab und das war viel. Angefangen mit Bananen und weitere Obstsorten, Luxuslebensmittel wie Kaffee und Schokolade, elektrische Artikel bis hin zu Autos. Gut, Autos wurden nicht gleich unmittelbar im November gekauft, dafür war eine ganze Zeit später noch der Gebrauchtwagenmarkt durch übertrieben hohe Preise geprägt. Wer damals seinen Wagen verkaufen konnte, hatte Glück, wer einen vernünftigen gebrauchten suchte, konnte selbst in Hamburg nur drei Wagen unter 10.000.- DM an einem Wochenende ausfindig machen.

Ein Trabi in Westdeutschland galt damals als kleine Sensation. In Lübeck war an jenem Tag nach dem Mauerfall die ganze Stadt davon voll.

Ein Trabi in Westdeutschland galt damals als kleine Sensation. In Lübeck war an jenem Tag nach dem Mauerfall die ganze Stadt davon voll.

Wann wir in Lübeck genau ankamen, weiß ich nicht mehr, es war jedenfalls schon dunkel, sonst hätte ich bei Tageslicht noch weitere Fotos gemacht. Normalerweise legt sich im November der Nebel angenehm in die Luft und sorgt für diese typische Novemberstimmung mit dem schummrigen Licht. Das Licht in Lübeck war ebenso schummrig, lag aber nicht am Nebel, sondern an den Abgasrauschwaden der Trabis, Ladas und Wartburgs, die die gesamte Innenstadt verstopften und vergasten. Der Geruch von 2-Takt-Gemischen lag in der Luft, die Freude über die gewonnene Freiheit ebenso und zwar deutlich auf beiden Seiten, also West wie Ost. Die Freude war groß, der Hunger, es mitzuerleben ebenso. Daher ab in eine Bank, bei der Auszahlung vom Begrüßungsgeld zuschauen, willkommen im Westen, herzlich willkommen in Lübeck. Für viele wurde der Traum ihres Lebens war, es war der Moment gekommen, wo zusammenwachsen konnte, was zusammengehört und solange getrennt wurde. Es war ein irres Gefühl, es erlebt zu haben und heute mir die für mich historischen selbst aufgenommen Aufnahmen anzusehen und sich dann wieder daran zu erinnern. An die Aufregung, die Aufbruchsstimmung, den Segen, die stickige Abgasluft, an die noch nie da gewesene Anzahl von Trabis in Lübeck, an die Euphorie auf der Rückfahrt und an die großartige gegenseitige Hilfsbereitschaft der Deutschen.

© Text und Fotos – Cornelius Kalk

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