Monatsarchiv: Mai 2005

Hundert Jahre Leben

Neugeborene, die in diesem Jahrtausend zur Welt kommen, haben eine fünfzigprozentige Chance 100 Jahre alt zu werden. Einhundert Jahre. Wie ist das, wenn man so alt wird? Und welche Rolle spielt all das, was landläufig wichtig erscheint, wirklich?

Dorf in der Bergregion Sardiniens

Ein Geheimnis des Alters beheimatet Sardinien, jener Insel im westlichen Mittelmeer, auf der sich an der Costa Smeralda im Sommer der internationale Jet-Set die Klinken in die Hände drückt.

1.800 Kilometer beeindruckender Küste umfassen eine Vielzahl von Landschaften –abwechselnd flache Dünen bis hin zu steil aufragenden Gebirgsmassiven. Das Meerwasser leuchtet manchmal azurblau, manchmal türkis, hier und da auch ultramarin.

Auf jeden Einwohner Sardiniens kommen etwa zwei Schafe. Das wichtigste Exportgut ist neben dem aus der Milch hergestellten Pecorino-Käse auch die Korkrinde, die überwiegend auf dem italienischen Festland verbraucht wird. Mitten im Herzen der Insel befindet sich eine Region, die trotz zahlreicher  Eroberungsversuche, noch bis heute in einheimischer Hand ist.

Diese Gebirgsregion birgt ein kleines Geheimnis des Altwerdens, auf dessen Spur sich zahlreiche Wissenschaftler in aller Welt begeben haben.

Auf Sardinien leben – geburtsurkundlich belegt –weltweit die meisten Menschen gemessen an der Gesamtbevölkerung, die ein vollständiges Jahrhundert erlebten. Grund genug, um die Lebensweise dieser Menschen näher zu betrachten.

Nehmen wir Guiseppina. Friedlich und versunken sitzt sie in Ihrem Korbsessel, die Hände im Schoß gefaltet.

Giuseppinas Lieblingsplatz direkt am Kamin


Trotz bereits frühlingshafter 20° C Außentemperatur trägt Guiseppina dicke Wollsocken gegen die Kälte, die durch die Fliesen in ihren Körper drängt. Neben ihr im Kamin ein kleines Feuer, das sie wärmt. Ein Kopftuch, das Sardinnen seit ewigen Zeiten tragen, bedeckt das dürre Haar, aus dem Kinn wachsen zwei Bartansätze. Die Augen blicken fahl in die Gegend und die Unterhaltung, wenn möglich, ist laut und sardisch. Dieser Dialekt stirbt nur bei denen aus, denen Sardinien nichts bedeutet. Und das sind nur wenige Sarden. Vielleicht ist es bezeichnend, daß er näher am Lateinischen als am Italienischen ist: Mit seiner urigen, gewachsenen Kultur lebt es sich für den Sarden immer noch am besten.

Gefaltete HäŠnde einer 100-jährigen Sardin

So dämmert Guiseppina ruhig und dankbar vor sich hin, nebenbei schaut die kleine Tochter des Nachbarn ein wenig fern. Ab und an nimmt sie die weichen alten Hände in die ihre und gibt ein wenig von ihrer Jugend. Fünf und hundert Jahre durchströmen diesen Raum, hinterlassen unmerklich und wie selbstverständlich eine Atmosphäre des Staunens.

Guiseppina wurde am 29.11.1903 geboren. Sie hat die Insel nie verlassen, ist Zeit ihres Arbeitslebens an jedem Morgen und jedem Abend zehn Kilometer zu ihrer Pflicht gewandert. Holz schleppen, Weinreben pflegen, Oliven ernten, Tiere versorgen, Felder bestellen, Schafe hüten. Nicht zuletzt kümmerte sie sich um sechs Kinder und einen Ehemann. Ihre Ernährung war oft einseitig. Von wegen täglicher Genuß von Olivenöl hält einen jung: Dafür war meist kein Geld vorhanden. Als Ersatz diente einfaches Schweineschmalz. Das genügte. Der Körper verbrannte dank harter Arbeit alles. Probleme mit hohen Cholesterinwerten? Unbekannt. Ärzte wurden im Notfall aufgesucht. Guiseppina begab sich nur zweimal in ihrem über hundert Jahre alten Leben in medizinische Obhut. Sie hat zweimal Arzneien zu sich genommen. Zweimal. In 100 Jahren. In Deutschland ergäbe das eine Lebenspraxisgebühr von 20 Euro.

Stadteuropäische Selbstverständlichkeiten: Altersheime oder Hospize sind den Sarden im Inneren unbekannt. Kinder schlossen mit ihren Eltern einen Generationenvertrag, der nicht in Frage gestellt wird. Eltern bleiben einfach bei ihren Kindern wohnen und werden von ihnen versorgt und gepflegt. Guiseppina wohnt bei ihrer Tochter, die sie im besten Frauenalter zur Welt gebracht hat.

Giuseppe im Innenhof bei der Familie

Guiseppe aus demselben Ort, im hundersten Jahr angelangt, hat fünf Kindern das Leben geschenkt. Eines davon hat vielleicht sein Leben gerettet. Denn, geboren im Oktober 1905, mußte Guiseppe Sardinien verlassen und zog ins ferne Triest zum Militär. Er wurde eingezogen, verbrachte sechs Monate in der Ausbildung und war der Brigata Sarda, einem sicheren Selbstmordkommando, zugeteilt. Da ereilte ihn die frohe Kunde aus dem für ihn so fernen Sardinien. Sein viertes Kind war geboren und vier Kinder bedeutet sofortige Freistellung vom Militär. Familienförderung der Italiener – ganz im Sinne der Sarden!

Eines seiner Kinder ist vergleichsweise jung im Alter von 72 verstorben. Guiseppe hat einen Bruder, der mittlerweile 95 Jahre alt ist und seine jüngere Schwester ist gerade mal 90 Jahre alt.

Schon als kleines Kind liebte Guiseppe Schafe. Sie waren sein Leben, sie begleiteten seinen Weg, insgesamt 69 Jahre lang. Blökend, wenn er sie die Straßen entlang lenkte, auf der täglichen Reise ihr Futter findend.

Mit 77 Jahren setzte Guiseppe sich zur Ruhe, seinen Schäferstock gibt er jedoch bis heute aber nicht aus der Hand. Er hält ihn fest umschlungen in einer weich gewordenen, braun gebrannten Hand.

Stolz gehaltener SchäŠferstock


Die Haut schimmert wie Perlmutt, draußen im Schatten des Innenhofes. Als hätte er sich für die Fotos fein gemacht, trägt er ein weißes Hemd, darüber einen blauen Pullover mit V-Ausschnitt, ländlich rustikal dazu ein Jackett aus braunem Cord. Sein schlohweißes Haar schaut unter der Mütze hervor. Die tief stehende Abendsonne verklärt den Anblick bis zur Unglaublichkeit.

Verschmitzt blickt er uns an. So, als habe er es nicht nur früher faustdick hinter den Ohren gehabt. Hat auch sein Gehör nachgelassen, blicken seine Augen noch immer lebhaft in die Bergluft. Auch sein Lieblingsplatz im Haus befindet sich neben einem kleinen Feuer am hauseigenen Kamin. Ein kleines Feuer wärmt den Jahrhundertmann, der schlicht und zufrieden, dankbar und von all dem Leben angefüllt, bei seinem Sohn wohnt. Todsterbenskrank war er, berichtet sein Sohn. Die Ärzte hatten ihn schon fast aufgegeben. Aber wozu ihn dann im Krankenhaus lassen? Welchen Sinn macht das Sterben, wenn seine Familie ihn doch gut versorgen kann? Eine Art Wunder geschah: Innerhalb von zwei Jahren erholte sich der Vater.

Und am Ende lernt man das Wichtige doch von den Jungen: Guiseppes Sohn rühmt die Kombination aus dem Rückhalt in der Familie, ehrlicher Arbeit und einer soliden, kraftgebenden Ernährung. Wenn die Familie als Wunderheilerin dient, die sogar tödliche Krankheiten besiegt, was wünschen wir uns?

Hundertjährig in der Sonne sitzen, wissen um das Gewesene und gelassen wartend auf das Kommende.

© Text und Fotos – Cornelius Kalk

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