Monatsarchiv: Oktober 2005

Mutter der 100 Kinderherzen

John F. Kennedy Airport am 10. August 1994 – eine weiße Frau, die bereits die Hälfte ihres bisherigen Lebens in dem afrikanischen Staat verbracht hat, bricht nach einem verheerenden Bürgerkrieg auf – zurück in ihre neue Heimat.

Das Waisenhaus Imbabazi in Gisenyi am Kivu-See im Staate Ruanda.

Nach der Ankunft, zwei Tage später findet sie ein völlig verändertes Land vor. Die Gesichter, die ihr so vertraut waren, kommen ihr auf einmal vor wie Fremde. Viele der Häuser sind zerstört, die Straßen wimmeln von Schlaglöchern, die Fahrt vom Flughafen zu ihrem 180 km entfernten Wohnsitz ist verhältnismäßig lang, beschwerlich und wird durch Autos der amerikanischen Botschaft begleitet. Angekommen bietet das Haus nur ein Bild der totalen Zerstörung. Fast jede Glasscheibe ist zerstört und auf den intakten Fenstern befinden sich Unmengen von Farbe. Im Inneren ist kaum noch etwas von den privaten Dingen vorhanden, die der Amerikanerin einmal so wichtig waren: Familiensilber, Porzellan, Teppiche, Vorhänge, Fotos und Tagebücher. Angesichts der sinnlosen Verwüstung erlebt die Frau eine der größten Enttäuschungen in ihrem Leben.

Der engste Vertraute Sembagare von Rosamund Carr im Alter von 65 Jahren.

Sie kehrte in ein Land zurück, in dem fast nichts mehr funktionierte. Es gab weder Banken, noch Schulen, schon gar keine Fabriken. Geld war nicht mehr im Umlauf, das Stromnetz zusammengebrochen, von Telefon ganz zu schweigen. Fast jeder der Bevölkerung hatte alles verloren, was er oder sie jemals besessen hatte.
Dieses Land hatte seine Unschuld verloren, es strotzt von Brutalität und blankem Hass und dennoch beschließt eine 82-jährige alte Dame, mit der Hilfe ihres 54-jährigen einheimischen Dieners und Chauffeurs Sembagare, den Wiederaufbau für sich und für Kinder, die im Laufe des Genozids 1994 in Ruanda ihre Eltern verloren haben.

Zum Mittagessen gibt es die leckeren einheimischen Bananen, die morgens frisch angeliefert werden.

Rosamund Carr – Besitzerin einer Plantage in Mugungo und eines Waisenhauses in Gisenyi – ist inwzischen 93 Jahre alt und hat immer noch Pläne. Ihr treuester Angestellter Sembagare, der diesem Völkermord glücklich entkommen ist, blickt streng aber mit einer gehörigen Portion Stolz auf seine kleinen Schäfchen hinab, die sich mit den alltäglichen Dingen des Lebens beschäftigen.

Aus einem Klassenzimmer dröhnt an diesem sonnigen Samstagmorgen afrikanische Musik aus den knarrenden Lautsprechern. Zwei Kinder spielen im Hof ein Hüpfspiel, das ein hohes Maß an Geschicklichkeit erfordert. Die Wäsche der hauseigenen Fußballmannschaft hängt zum Trocknen auf der Leine, hinter dem Mädchentrakt überwacht der Chefkoch die Zubereitung der Mittagsmahlzeit. Es gibt Reis und Rindfleisch, als Nachtisch zwei kleine Bananen.

Bei den täglichen Aufgaben packen alle mit an. Die größeren bereiten das Mittagessen vor und decken den Tisch.

Eine Frau mit einer riesigen Schüssel Bananen auf dem Kopf kommt vorbei und verkauft einen ganzen Schwung als Nachtisch zum Essen. Der Doktor erscheint mit seinem Assistenten zur Visite, untersucht und stellt bei einigen der Kinder die Grippe fest.

Während die Angestellten schon auf ihren Lohn warten, wird Madame Carr, wie die weiße Plantagenbesitzerin in der Gegend ehrfürchtig genannt wird, von einem der Lehrer vorgefahren. Es habe bei der Bank Probleme mit dem Umtausch gegeben, erklärt die Amerikanerin in fließendem Suaheli ihren Angestellten. Sie müssten sich bis zum Dienstag gedulden.

Die Küche ist nicht unbedingt mit einem europäischen Standard vergleichbar, erfüllt aber durchaus ihren Zweck.

Dann geht es ans Auspacken von zwei neuen Lieferungen mit Kleidung. Als erstes sind die Mädchen dran. Geduldig warten sie in einer Schlange auf den großen Moment, bis Rosamund Carr zusammen mit Sembagare alle Kleidungsstücke zur Ansicht auf den beiden Gästebetten ausgebreitet hat. Zur Anprobe werden die Mädchen auf die Toilette geschickt. Sie ziehen sich dort um und führen ihre neuesten Errungenschaften vor. Innerhalb von kürzester Zeit sind alle Kleider verteilt, nur eine riesige orangefarbene Unterhose bleibt liegen.

Als nächstes wird die Korrespondenz erledigt, bevor schon die nächsten drei Mädchen vor der Tür stehen. Sie haben aus Wollresten große wärmende Decken gehäkelt. Als ehemalige Modezeichnerin versteht die alte Dame viel von Farbkombinationen und ist schier begeistert von dem handwerklichen Geschick der Teenager. Jede der Decken erhält so nach der Begutachtung einen Preis, für den sich die Handarbeiten gut verkaufen lassen – umgerechnet für etwa 10 Euro. Die Hälfte vom Erlös erhält dann das Waisenhaus, die zweite Hälfte die Herstellerin der Decke.

Der 8-jŠährige Issa blickt hoffnungsvoll in die Zukunft ohne die ehemaligen Auseinandersetzungen zwischen den Hutus und Tutsie.

Im Hinterhof laufen derweilen die Vorbereitungen zum Mittagessen auf Hochtouren. Das größte Kochfeld befindet sich auf einem großen Steinofen, auf dem lange Holzscheite vor sich hin brennen. Der dichte dicke Qualm steigt auf, zur oberen Hälfte des Raumes, wodurch das Atmen dort unmöglich ist. Das Essen, Reis mit schmackhaftem Rindfleisch, das in einer Gemeinschaftsaktion von den Köchen und den größeren Kindern im Speisesaal auf bunten Tellern serviert wird. Ungeduldig lauern die kleineren Kinder schon vor der Tür des Speiseraums. Besteck gibt es nur für immer gern gesehene Gäste, gegessen wird sonst ganz traditionell mit den Fingern. Und nach dem Essen geht es sofort wieder zum Spielen auf den Hof hinaus.

Die 13-jŠährige Waisin Uzamukunda Gaudence.

“Für die erwachsenen Lehrer und die weiteren Helfer ist es dagegen bald wieder Zeit zum Umzug“, erklärt das 13-jährige Mädchen Uzamukunda, das zusammen mit ihrem Bruder in dem Waisenhaus lebt. Der Transport von Kindern und Möbeln muss organisiert werden. Schon am 8. November kehren die knapp 100 Kinder unmittelbar zum Wohnsitz der Grand Old Dame in das 20 km entfernte Mugongo zurück. Dort auf einer Höhe von 2500 m über dem Meeresspiegel hält die Modezeichnerin die Fäden eng in der Hand und wird sich bestimmt noch eine ganze Weile ihrer Kinder erfreuen.

Text und Fotos: Cornelius Kalk

Rosamund Carr verstarb am 29.09.2006 in Ruanda im Alter von 94 Jahren. Die New York Sun veröffentlichte einen Nachruf am 06.10.2006 mit der Verwendung eines der letzten Aufnahmen von mir.

Rosamund Carr, Leiterin des Waisenhauses Imbabazi in Ruanda im Alter von 93 Jahren. Sie verbrachte über 50 Jahre in der Grenzregion zwischen dem Kongo und Ruanda und diente auch Diane Fossey als Freundin und Basis für ihre Erforschung der Berggorrillas.

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