Monatsarchiv: Mai 2011

In der Warteschleife – Teil 6

Kunst als Ein-Euro-Job?

Nur, wenn es anders nicht geht.

Drei etwas andere Künstlerportraits.

17 Quadratmeter, selbst gestrichen

Wer auf der Veddel schon einmal durch den S-Bahntunnel gegangen ist, der kennt Originale von Martin Götze. Dort hat die KOM von 2009 bis 2010 ein Walldesign-Projekt durchgeführt. Er war einer der Maler. Das erfahren wir, als wir ihn zu Hause besuchen. „Möchten Sie Pfefferminztee oder Kräutertee?“ fragt er.

Wir setzen uns. „Größer wird es nicht“, sagt Herr Götze. Siebzehn Quadratmeter ist seine Wohnung klein. „Aber das Bad und die Küche haben Fenster, weil die Wohnung am Rand liegt“, erklärt er. In eine größere Wohnung umziehen kann er nicht, so lange er von Hartz IV lebt. Theoretisch könnte er maximal 45 Quadratmeter bewohnen. Parktisch sitzen wir auf seiner Schlafcouch vor dem Hocker, der als Tisch dient. Einen Schreibtisch mit Fernseher hat er in der Ecke stehen und einen gepolsterten Bürostuhl. Die Wände sind hellgrün mit einem Streifen in Apricot, der den Raum auf etwa auf einem Drittel Höhe einrahmt, gehalten. Ohnehin ist es sauber und ordentlich.

Eine Wohnung mit 17 Quadratmetern Fläche stimmen uns nachdenklich, aber es geht.

Eine Wohnung mit 17 Quadratmetern Fläche stimmen uns nachdenklich, aber es geht.

„Es ist ein Hobby, du musst ja nicht davon leben“ habe ein Schlossermeister zu ihm gesagt, als es um den Preis seiner Bilder ging. „Die Leute wollen nur die Materialkosten zahlen“, erzählt Herr Götze. Er würde gern davon leben können. Das Bild mit der Moritz stand drei Wochen in einem Buchladen im Schaufenster und die Kunden haben nach dem Preis gefragt. 300 Euro waren zu teuer, nun steht es an die Wand gelehnt in seiner Wohnung. Eineinhalb Monate habe er daran gemalt. „Das sind 50 Cent die Stunde, wenn man das mal umrechnet“, sagt er. „Vielleicht werde ich entdeckt“ fügt er mit einem Augenzwinkern hinzu. Herr Götze macht Fotos, die er dann als Vorlage nimmt. Für die Bilder im Veddel-Tunnel waren es 700, von denen er 300 als Vorlagen ausgewählt hat. „Für das Schilf habe ich Gras fotografiert. Ich bin ganz nah ran gegangen“ erklärt er und zeigt eine Postkarte mit seinem Motiv. „Ich habe gesehen, wie eine Möwe einer Ente das Brötchen aus dem Schnabel geklaut hat“, erzählt er. Den „Überfall aus der Luft“ habe er nicht fotografieren können. Die Kamera habe zu langsam ausgelöst.

Aufgeben, gehört nicht zu seinem Charakter, das zollt uns Respekt.

Aufgeben, gehört nicht zu seinem Charakter, das zollt uns Respekt.

Das riesige Bild mit den beiden Engeln liegt zusammengerollt im Schrank. Herr Götze malt gern großformatig. „Wie groß kann man malen?“, das habe er probiert, erzählt er. Drei Wochen hat er gebraucht. „Das ist einfach, man hat ja nur große Flächen“, sagt er. Einen Haken gibt es doch, gibt er zu: „Man muss aufpassen, dass man die Perspektive nicht verhaut.“

Martin Götze wird ein Vorstellungsgespräch bei einer Verleihfirma haben. Wäsche für eine bekannte Modemarke sortieren, in Moorfleet. Er erklärt: „Die kennen mich ja schon, da kann ich es doch noch mal probieren.“

Drei Meinungen über die Arbeitslosigkeit

Während der Gespräche mit den Künstlern habe ich nicht das Gefühl, mit Arbeitslosen zu sprechen. Ich spreche mit drei sehr beschäftigten Menschen, die eine Meinung zur Arbeitslosigkeit haben, die aktiv durchs Leben gehen und ich spreche mit Menschen, die malen. Die sich einbringen möchten, die auf sich aufpassen und zur Gesellschaft etwas beitragen möchten. Sie warten aktiv auf ihre nächste Chance.

Ende

© Text Sigrun Friederike Priemer | © Fotos Cornelius Kalk

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Sankt Pauli Buccaneers – American Football und Sozialprojekt

Headcoach Campino Milligan bei einer Trainingseinheit mit der Jugendmannschaft der St. Pauli Buccaneers.

In Hamburg trainert Headcoach Campino Milligan die Football Mannschaft von St. Pauli. Viele junge Männer finden durch das Training einen neuen Lebensweg.

Vor jedem Spiel sprechen die Buccaneers kniend ein Gebet. Bitten und Danken ist für viele der Spieler eine neue Erfahrung, doch für die neue Richtung, in die sie gehen wollen, krempeln sie ihr Leben um.

Schwere Jungs, die vor dem Spiel alle zusammen beten. Ein Ritual für alle, auf das keiner mehr verzichten mag.

American Football: Das Ende von Drogen, Gewalt und Kriminalität?

Bevor ich zum American Football kam, habe ich viel Zeit totgeschlagen“, erzählt Patrick, 20 Jahre alt. Nick, 19 Jahre alt, berichtet: „Ich habe früher öfters die Schule geschwänzt, hatte Streitereien mit anderen, und mit der Polizei hatte ich auch Probleme.“ Mounir, 18 Jahre alt, äußert sich ähnlich: „Meine Freunde und ich haben vor der Glotze gehangen und Computerspiele gespielt. Aber davon stirbt irgendwann die Seele.“

Aus Patrick, 20 Jahre alt, ist ein ganzer Mann geworden, der sich inzwischen sogar über eigenen Nachwuchs freuen kann.

Alle drei kommen aus Stadtteilen, in denen das Leben für Jugendliche oft perspektivlos ist. Das Ergebnis sind Geschichten, in denen es um Drogen, Gewalt, Kriminalität geht und die oft im Gefängnis enden. Nick hatte Glück. Nach einem Einbruch wurde er zu Arbeitsstunden verurteilt. Als er diese abgeleistet hatte, entschied er sich für die Buccaneers. Dort setzte ein Lernprozess ein, als Headcoach Campino Milligan ihm erklärte, dass er an seine Zukunft denken müsse. Dabei verfügt Milligan nicht über der Allgemeinheit unzugängliche Weisheiten. Er verlangt nur das, was er selbst geleistet hat. Durch seine eigene Geschichte belegt er, dass Aufgeben keine Alternative ist.

Seine Mutter gab ihn früh zur Adoption frei, mit seiner deutschen Familie kam der US-Amerikaner nicht klar. Mit 17 zog er aus, war auf sich allein gestellt. Er hätte auf die schiefe Bahn geraten können, doch er fand Halt im Sport.

Headcoach Campino Milligan steht am Rande des Spielfelds und zieht von seinen Jungs immer wieder neue Kraft und viel Freude. Er stellt für manchen eine Art Vaterersatz dar.

American Football ist ein Integrationssport

Bei allem, was er verlangt, hat Milligan ein effektives Druckmittel. Denn er verbannt alle, die sich nicht an seine Regeln halten, vom Spielfeld. Eine harte Strafe, wenn man hört, was die Spieler über ihren Sport sagen. Linebacker Patrick, der vor fünf Jahren durch seinen Bruder dazukam, bekennt: „Ich liebe diese Sportart. Sie ist Teil meines Lebens.“ Mounir gesteht: „ Ohne Helm fühle ich mich wie eine Frau ohne Handtasche.“

Dass diese Sportart es vermag, junge Männer von der Straße zu holen, hat zwei Gründe: Man braucht Aggressivität und jeder kann American Football betreiben. „Der große, dicke, Breite wird genauso gebraucht wie der kleine, schnelle Dünne“, sagt Milligan. Attribute wie Religion, Hautfarbe und Herkunft sind bei der Aufnahme ins Team unmaßgeblich. Milligan betont, dass die Verbundenheit auf inneren Werten basiert, dass die Buccaneers aus zurzeit 21 Nationen bestehen, dass nicht alle aus problematischen Verhältnissen kommen, dass die Mannschaft trotz alledem funktioniert. „Hier lernt man das Miteinander und das Füreinander“, erklärt Milligan und ergänzt: „Wir haben das Sozialprojekt vor allem durch die Genialität dieses Sports fördern können, denn er integriert so viele Menschen.“

Nick ist 19, geriet schon mal auf eine schiefe Bahn, kümmert sich nun aber als Vorbild um die Jugendlichen in seinem Ghetto. Er ist zwar kein Pädagoge, kennt aber die Herausforderungen des Alltags sehr genau und gilt als leuchtendes Vorbild.

Schule schwänzen und schwarz fahren wird nicht geduldet

Seit der Gründung der Buccaneers im Oktober 2003 war klar, dass auch der soziale Aspekt im Vordergrund stehen solle. Gezielt geht Milligan auf Jugendliche zu, um ihnen diese Sportart nahe zu bringen. So kam Patricks Bruder Igor zur Mannschaft. Er bewies Talent spielte schließlich in den USA.

„Ich möchte, dass möglichst viele in die Staaten gehen. Diejenigen, die hier bleiben, sollen ihre Ausbildung fertig machen und dann möglichst auch in der Nationalmannschaft spielen“, sagt Milligan und fügt hinzu: „Alle sollen zurückblicken und dann sagen können, dass sie eine schöne Jugend hatten.“ Dafür müssen die Spieler zunächst ein zweimonatiges Probetraining bewältigen. Milligan erklärt: „Die Jungs müssen ihre Bereitschaft zeigen, sich in das Team zu integrieren und die Regeln anzunehmen. Sie müssen ihr Leben radikal ändern.“

Mounir, 18 Jahre alt kommt aus einem Hamburger Stadtteil, in dem das Leben für Jugendliche an vielen Tagen eintönig, meistens schwierig und nur allzu oft perspektivlos ist.

Um einen Spielerpass zu bekommen, müssen die Freibeuter regelmäßig zur Schule gehen und kriminelle Aktivitäten, auch schwarz fahren, einstellen. Gebrandschatzt wird nur noch auf dem Spielfeld. Damit das funktioniert, hält Milligan Kontakt zu Eltern und Lehrern. Er sagt: „Die Ausbildung steht immer an erster Stelle.“ So hat Patrick eine überbetriebliche Ausbildung zum Instandsetzungsmechaniker gemacht und strebt nun einen Realschulabschluss an. Punktemacher Nick hat ein Berufsvorbereitungsjahr absolviert und arbeitet in einem Schuhgeschäft, in dem er eine Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann beginnen kann. Für alle, die das Probetraining schaffen, verändert sich viel. Patrick erzählt: „Seitdem ich hier bin, habe ich gelernt, etwas mit ganzem Herzen tun.“

Campino kann jeden Jungen gebrauchen. American Football ist eine Sport, in der es für jede Statur eine Position gibt. Dadurch erhalten viele Jugendliche eine neue Perspektive und sie lernen, eigene Ziele zu verfolgen.

Gute Manieren, das vierte Gebot und neue Freundschaften

Das liegt vielleicht daran, dass er von Menschen umgeben ist, die sich kümmern. Denn hinter Milligan steht ein Team, das sich um Abläufe, Organisation, Pressearbeit und Sponsoren kümmert. Darüber hinaus trainieren weitere Coaches die Läufer, Receiver, Werfer und Kicker, die Angriffs- und Verteidigungslinie sowie die Rückraumverteidigung. Milligan erklärt: „Die Jungs geben uns ihre Zeit, und darum wollen wir sie während des Trainings so gut wie möglich coachen und ihnen so viel wie möglich beibringen.“

Für Milligan sind das auch guter Umgangston und Manieren Und dann ist da noch das vierte Gebot. „Campino hat mir klar gemacht, was meine Mutter dazu beisteuert, dass wir hier mitmachen können“, berichtet Patrick. Dann erzählt er, dass seine Mutter trotz zwei Jobs die Zeit findet, ihre Söhne zum Training zu fahren.

Viele Eltern freuen sich, dass ihre Sprösslinge einen neuen Freundeskreis innerhalb des Teams aufbauen. Nick, der vor drei Jahren zu den Buccaneers kam, sagt: „Ich grüße meine Freunde von früher noch, aber ansonsten halte ich mich da aus allem raus.“

„American Football ist ein Teil von mir.
Ohne Helm fühle ich mich wie eine Frau
ohne Handtasche.“

Milligans Traum: Junge Männer ohne Vorstrafen

Trotz dieser positiven Bilanz verfügt die Mannschaft über keinen eigenen Platz. Die aus 57 Spielern bestehende Jugendmannschaft trainiert an zwei Abenden am Millerntor, davon einmal zusammen mit den 42 Herren. Die müssen an einem weiteren Abend nach Eidelstedt ausweichen. Insgesamt eine frustrierende Situation. „Wir brauchen endlich einen Heimathafen. Wir brauchen die Stadt, und die Stadt braucht uns. Wenn wir zusammenarbeiten würden, könnten wir vieles realisieren und die Mannschaft könnte zum Vorzeigeobjekt werden“, meint Milligan.

Vorzeigeobjekt und Inspiration für Football Mannschaften in anderen Städten zu sein, ist Milligans Traum. Er möchte Jungen, die Probleme haben und bereiten, von der Straße holen und würde sich über Nachahmer freuen. Er wünscht sich einen Ort, wohin diese Jungen direkt nach der Schule gehen können, um dort zu essen, Hausaufgaben zu machen und zu trainieren. Er möchte ihnen die Förderung und die Zuneigung geben, die sie brauchen, um mit Anfang 20 als gestandene Männer, ohne Vorstrafen, da zu stehen.

Es ist Milligans Traum, Vorzeigeobjekt und deutschlandweit Inspiration für andere Mannschaften zu sein. Er möchte das Team vergrößern sowie die Betreuung ausbauen. Sein Plan ist es, bereits mit den Acht- bis 14-Jährigen zu trainieren. Er stellt sich einen Ort vor, an dem Jungen nach der Schule essen, Hausaufgaben machen und dann trainieren können. Er möchte ihnen die Förderung geben, die sie brauchen, um mit Anfang 20 ohne Vorstrafen dazustehen.

Text
Bettina McDowell
Kaudiekskamp 5
22395 Hamburg
Telefon 040-60450646
E-mail mail@mcdowellpr.de
Web www.mcdowellpr.de

Fotos
Cornelius Kalk
Beimoorstraße 11
22081 Hamburg
Telefon 040-3570 6477
E-mail kalk@bewegende-bilder.de
Web www.bewegende-bilder.de

Street Photography

Vor 15 Jahren war es für die meisten immer noch neu, überall mobil erreichbar zu sein. Heute ist man mit iPads, iPhones oder Smartphones anderer Hersteller nahezu immer online. Und ob es gut ist oder nicht, der Leistungsdruck innerhalb unserer Gesellschaft ist doch stetig gewachsen und einigen fällt es mittlerweile schwer, da mitzuhalten. Totale Erschöpfung ist da nur eine der Folgen, die Wartelisten für Therapieplätze steigen ständig und damit steigt auch der volkswirtschaftliche Schaden erheblich an.

Dieses Foto entstand zwischen dem Haspa Marathon und dem Spiel der St. Pauli Buccaneers an einer U-Bahn-Station mitten in Hamburg.

© Text und Fotos – Cornelius Kalk – Fotografie

Die Welt dreht sich schneller und doch brauchen wir immer wieder Ruhezonen, die uns unsere eigenen Bedürfnisse wahrnehmen und spüren lassen.

Hamburg Freihafen – Fotografie querbeet!

In Kooperation mit dem Fotografen Christian Hager, http://www.hagerpress.de bietet der Hamburger Fotograf Cornelius Kalk, http://www.bewegende-bilder.de seine Seminare in einer einzigartigen Kombination an.

Christian Hager auf Jagd nach Motiven.

Im Fokus steht dabei erneut der Teilnehmer mit seiner Kamera an unterschiedlichen Hamburger Locations, wobei der Fotograf ununterbrochen Tipps zum Umgang mit der Kamera und zur mutigeren Bildgestaltung gibt. Doch damit endet nicht die Möglichkeit des Feedbacks, denn Christian Hager wartet schon mit seinem Notebook auf Ihre Speicherkarten. Bei Bedarf steht er zur Übertragung auf einen Rechner bereit und gibt Tipps zum Umgang mit jpgs, tifs und den Rohdateien. Dadurch kann jeder einzelne Teilnehmer hinterher besser einschätzen, worauf er bereits beim Fotografieren achten sollte und welcher Spielraum immer noch hinterher am Computer vorhanden ist.

Christian Hager beim Sichten der Aufnahmen.

Auch diese Seminare finden an wechselnden Hamburger Orten mit einer geringen Teilnehmerzahl statt. Dadurch entstehen immer wieder neue Aufgabenstellungen und beide Experten können sich ausführlich den Teilnehmern widmen und sich mit ihren eigenen Fragen, ihren Kameras und der Bildbearbeitung auseinandersetzen. Die Themengebiete an einem Abend richten sich dabei ganz nach den Bedürfnissen der Kamerabesitzer. Nach dem Motto ‚keep it simple‘ erfolgt eine kurze Einführung in die wichtigsten Gestaltungsmittel und los geht’s – direkt vor Ort!

Die Motivvielfalt ist unendlich – gerade in der schönsten Stadt der Welt. Bringen Sie also Ihre eigene Kamera mit und beschäftigen Sie sich mit Blickwinkeln und Perspektiven, lassen Sie sich von den Augen der weiteren Teilnehmer inspirieren und drücken Sie ab. Zwischenzeitliches Sichten und ein Feedback zu den Aufnahmen jenseits der Programmautomatik sind garantiert.

In der Warteschleife – Teil 5

Kunst als Ein-Euro-Job?

Nur, wenn es anders nicht geht.

Drei etwas andere Künstlerportraits.

Zwei Katzen und „die Maler“

Grün ist die Nachbarschaft von Martina M. Sie wohnt in einer Wohngemeinschaft mit ihrem Mitbewohner und zwei Katzen. Die helle Küche ist gemütlich. „Die Katzen dürfen viel bei uns“, erläutert sie. Säckchen und Lenny schauen sich den Besuch genau an. „Die Tiere sind psychisch wichtig für mich“ erklärt sie. Obwohl die Katzen tatsächlich ungestört auf den Tisch dürfen, wirkt das nicht unangenehm.

Martina M. mit ihrem ausgezeichneten Bild, das ihre Erfahrungen mit Hartz IV darstellt in ihrer eigenen, die sie mit zwei Katzen teilt.

Die Wände sind mit eigenen Bildern dekoriert. Besonders gern schaut M. aus dem Küchenfenster. Sie wohnt im obersten Stockwerk und hat einen unverstellten Blick auf den Himmel über dem großen Innenhof. Martina M. zeigt ihre Skizzenbücher. „Ich male assoziativ“ erklärt sie. In der KOM hatte sie an einem Kochbuch mitgearbeitet. Laut Richnow, war sie diejenige, die die Gruppe motiviert hat und sehr viel beigetragen hat. Zum Thema Kochen und Kochbuch fallen ihr gleich mehre Beispiele ein: „Die Wut kocht hoch“, „Hunger und seelischer Hunger“, „ohne Essen würden wir nicht leben“. Sie sagt auch: „Ich mache etwas, das nicht nachgefragt wird.“

An der U-Bahn-Station Saarlandstraße kann der aufmerksame Beobachter die Künsterlin mit ihrem Skizzenbuch treffen. In jeder Minute Wartezeit entstehen neue Ideen und Gedanken, die sogleich im Buch festgehalten werden.

An der U-Bahn-Station Saarlandstraße kann der aufmerksame Beobachter die Künsterlin mit ihrem Skizzenbuch treffen. In jeder Minute Wartezeit entstehen neue Ideen und Gedanken, die sogleich im Buch festgehalten werden.

Martina M. hatte beim ersten Treffen davon erzählt, dass sie in der U-Bahn in ihr Skizzenbuch male. Wir fahren mit ihr die Strecke von der Saarlandstraße bis zu den Landungsbrücken. Alle sind sich einig, dass es die schönste U-Bahnstrecke Hamburgs ist, weil die Bahn hier überirdisch fährt. Die Sonne scheint. Martina M. setzt sich auf die Holzbank in der Station und macht uns vor, wie sie malt. Drei Minuten später steigen wir ein und setzen uns. Sie schaut sich um, und schlägt das Buch auf, der Fotograph knipst und ich schaue zu. Hinter ihr sitzt ein Pärchen, das uns beobachtet und versucht freundlich zu schauen, falls es mit auf das Foto kommt. „Es ist schwierig, zu schweigen, mit Leuten, die man gar nicht so gut kennt“, kommentiert sie die ungewöhnliche Situation. Es bleibt nicht beim Schweigen. „Bitte schreiben Sie, dass ich Irene Velthuis dankbar bin. Sie hat mich wieder ans Malen herangeführt“, sagt sie. Vor zehn Jahren in der Malschule habe sie begonnen ihren Weg zu gehen. Sie erläutert wie sie sich inspirieren lässt. Sie sehe Werbeanzeigen, komische Mäntel oder Gesichtsausdrücke von anderen Fahrgästen und dann malt sie. Einfach so, ein Gesicht, einen Bogen darum.

Die Inspiration kommt von überall her.

Martina M. selbst hat sich der Gruppe „Die Maler“ angeschlossen. Die nächste Ausstellung wird geplant. Wie in der KOM auch, schätze sie den Austausch. „Eingebunden sein, das Soziale, das tut gut“, findet sie.

Teil 6 folgt…

© Text Sigrun Friederike Priemer | © Fotos Cornelius Kalk

Hafengeburtstag

Ein wenig Wehmut entsteht schon, wenn soviele Schiffe anläßlich des 822. Hafengeburtstages dem Sonnenuntergang elbabwärts fahren. Die Auslaufparade war der krönende Abschluß der traditionsreichen Veranstaltung entlang der Elbe, wo die Hamburger Ihren Hafen huldigen. Dazu gab es majestätische Unterstützung durch die ‚Queen Mary 2‘, die allen Schiffen voran fuhr und sich nach einigen Tagen Aufenthalt doch wieder imposant von Hamburg verabschiedete. Begleitet wurde die Parade von zahlreichen Schiffen, die schon ungeduldig in ihrer Position verharrten, ehe es gegen 18:00 Uhr dann endlich losging. Rechtzeitiges Reservieren sicherten die besten Zuschauerplätze auf den Booten wie auf der Gaffelkeltsch ‚Roter Sand‘, wo die Crew rundum den Eigner Bernhard Pelzer für einen lockeren und sicheren Transport der Gäste sorgte. Vielen Dank dafür!

© Text und Fotos – Cornelius Kalk

In der Hafencity war unter anderem die ‚Queen Mary 2‘ zu Besuch.

Begleitet wurden die Schiffe der Auslaufparade von zahlreichen Booten wie die Gaffelkeltsch ‚TS Roter Sand‘.

Bei strahlend blauem Himmel manövrierte Schiffseigner Bernhard Pelzer zusammen mit seiner Crew die Gäste sicher und vorausschauend durch die Unmengen an Schiffen.

Geduldig warteten alle Schiffe an ihrer Wartestelle auf das Signal zum Start.

Zwischen den ganzen Segeln bewegte sich die ‚Queen Mary 2‘ in sicherem Fahrwasser.

Vorbei ging es am ‚Dock 10‘ von ‚Blohm und Voss‘ und ‚Hamburg Süd‘ bis die ‚Queen Mary 2‘ Hamburg dann vorläufig den Bug kehrte.

Letztes Geleit und Gejubel gab es am Fuße der Hügel in Blankenese. 

Am Ende gab es noch ein Scheidebier auf dem Ponton ‚Op‘ Bulln‘ und der Abend dämmerte vor sich hin.

In der Warteschleife – Teil 4

Kunst als Ein-Euro-Job?

Nur, wenn es anders nicht geht.

Drei etwas andere Künstlerportraits.

Wir schwanken zwischen Neugier und Zurückhaltung. Die drei Künstler haben uns erlaubt, sie zu Hause zu besuchen und Fotos zu machen.

In die eigene Wohnung lässt man nicht jeden. Das ist etwas ganz persönliches.

Die leere Wohnung

Die Wohnung von Barbara Guttmann in Rahlstedt ist leer. Wirklich leer. Zumindest auf den ersten Blick. In der Küche steht ein Gestell mit zwei Kochplatten, ein Wasserkocher, ein paar Sorten Tee. In der Essdiele steht nichts und im Wohnzimmer ein selbst gebastelter Hocker aus Karton, Buntstifte liegen an der Seite und ein Block. Zeichnungen von verzerrten Gesichtern, ein gefundener Hamburger Stadtplan und ein Bild aus der Kunst-Maßnahme, mit einer Arbeitsamtszene, bestimmen das Zimmer. Darunter, an die Wand gelehnt, steht ein gerahmtes Schwarzweisportrait. Es ist ein Artefakt aus der Zeit in Lörrach. In der Essdiele und der Küche hängen Werbepostkarten.

Barbara Guttmann in ihrem Wohnzimmer vor den selbst gemalten Bildern.

Barbara Guttmann in ihrem Wohnzimmer vor den selbst gemalten Bildern.

Die kahlen Wände sollten nicht blank bleiben. „Wir sind ja unserer Möbel verlustig gegangen“, erklärt Barbara Guttmann. Nach der Wohnungslosigkeit folgt eben eine Wohnung ohne Möbel. Oder eine, mit nur dem Allernötigsten. Frau Guttmanns Partner hält den Umzug nach Hamburg für die „schlechteste Entscheidung meines Lebens.“ Sie sagt dazu nichts. Sie malt und spricht über Missachtung, inneren Druck und die Frage wie es weitergeht. Von Reue oder schlechter Laune keine Spur. „Einen 400 Eurojob findet man immer“, sagt sie und fragt: „Was will man mit 400 Euro?“ Denn eine Arbeit suchen, dass muss sie. Einen besser bezahlten Job zu finden, als jemand, der „nur“ malen kann, sei schwierig. Ein Minijob löse das Problem nicht. „Dann muss ich ja trotzdem zum Amt mit den Unterlagen.“ Sie sei dennoch dankbar, dass man Hilfe bekäme, aber Achtung, Respekt verlange sie auch.

„Wir wissen noch nicht genau, wie sich das Leben gestalten wird“, sagt sie. Ihr Partner ist 69 und bekommt Grundrente. Frau Guttmann darf noch sechs Monate in der Maßnahme bleiben, sie möchte es so. Die Bemühungen ihrer Bildungsbegleiterin der KOM um eine Neuzuweisung zur KOM, waren erfolgreich.

Teil 5 folgt …

© Text Sigrun Friederike Priemer | © Foto Cornelius Kalk