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Wie groß ist das Fürstentum Liechtenstein?

Es war ein erster Hauch von Frühling, der mich nach einem sehr schneereichen aber typischen alpinen Winter erwartete. Mein Aufbruch zurück in den Norden lag nahe, wenn man Zeit in Raum verwandeln könnte, ähnlich nah dran wie das Fürstentum Liechtenstein, das mit 5 Autominuten quasi vor meiner Nase lag. Untergebracht in Feldkirch im Vorarlberg in Österreich konnte das Fürstentum sogar mit einer Busverbindung angesteuert werden und Vaduz ist immerhin eine Hauptstadt Europas und irgendwann wollte ich alle gerne einmal besucht haben.

Fotografien von dem FŸrstentum Liechtenstein und Vaduz

Hauptattraktion im Fürstentum Liechtenstein ist das Schloß, das 120 m über der Hauptstadt Vaduz liegt. Im Hintergrund befinden sich die Schweizer Alpen.

 

Gewöhnlich benötigt jeder durchschnittliche Tourist für eine europäische Hauptstadtreise ein Minimum von 2 bis 3 Tagen. Für die vielfältigen Sehenswürdigkeiten in den Großstädten wie Paris, London oder Berlin kann auch eine ganze Woche draufgehen. Hier handelt es sich um Vaduz und um Liechtenstein, ich hatte keinen Reiseführer zur Verfügung, noch wußte ich, um welche Sehenswürdigkeiten es sich in diesem Land handelt.

Fotografien von dem FŸrstentum Liechtenstein und Vaduz

Blick aus der Innenstadt von Vaduz mit zwei Statuen auf das Schloß Vaduz, das 120 m über dem Zentrum trohnt.

Immerhin benötigte ich von der Ausreise außerhalb der Europäischen Union bis hin zur Hauptstadt gute 15 bis 20 Minuten, die Durchfahrt höchtens weitere 5 Minuten, richtig groß kam mir das nicht vor – flächenmäßig jedenfalls nicht, aber ein paar Höhenunterschiede gibt es schon, was das Land schon vergrößern kann.

Fotografien von dem FŸrstentum Liechtenstein und Vaduz

Blick auf Vaduz, der Hauptstadt vom Fürstentum Liechtenstein und eines der kleineren Europäischen Hautpstädte.

Wenn ich in Hamburg von Richtung Norden in Richtung Süden unterwegs bin oder von Ost nach West verbringe ich locker mehr als eine Stunde im Auto, selbst mit den öffentlichen Verkehrsmitteln kann diese Stadt recht groß werden, erst recht im Stau. Apropos Stau, davon kann weder in Liechtenstein noch in Vaduz die Rede sein. Bleibt die Frage, welche Sehenswürdigkeiten es in diesem Land gibt. Also mache ich mich auf den Weg in die Innenstadt in der Erwartung eines kleinen Stadtbummels. Ich parke meinen Wagen auf einem öffentlichen Platz, der mich offenbar kein Geld kostet nur eine Parkscheibe. In der einen Richtung erstreckt sich die Innenstadt, in die andere geht es hinauf in die Berge. Von oben blickt das Fürstentum auf die Stadt in Form einer Burg hinab. Diese Burg scheint nach den Postkarten in der Innenstadt zu urteilen gleichzeitig die Hauptattraktion in dieser Stadt oder gar in diesem Land zu sein. Andere Motive sind kaum ersichtlich und die paar Meter in alle vier Himmelsrichtungen lassen sich schnell leider ohne weitere wirklich fotogene Attraktionen bewältigen. Immerhin gibt es noch ein Kunstmuseum und die zwei Tiere vor dem einen wohl historischen Gebäude lassen sich auch sehen. Wirklich attraktiv erscheint mir noch rein äußerlich die Universität, doch ich kann das nur oberflächlich beurteilen.

Fotografien von dem FŸrstentum Liechtenstein und Vaduz

Auffällig auf dem Weg von und nach Österreich ist die Universität in Liechtenstein, die so groß ist wie in mancher Deutschen Stadt eine einzelne Fakultät.

 

Und da ich daran nicht sonderlich interessiert bin, schaue ich mir jedes Geschäft in der Stadt einzeln an und beschließe dennoch nach nicht einmal zwei Stunden meine Weg hinauf zur Burg oder dem Schloß Vaduz zu wagen. Das Schloß dient als Sitz vom Fürstenhaus Liechtenstein und liegt auf einem Felsvorsprung oberhalb der Stadt Vaduz. Es ist das Wahrzeichen der Stadt Vaduz und auch des Landes Liechtenstein. Die genaue Entstehung ist umstritten, es wird im 14. Jahrhundert in dem damaligen Zustand das erste Mal urkundlich erwähnt. Von unten aus der Innenstadt ist das Schloß in 120 m Höhe sehr gut sichtbar, oben gehen in die eine und andere Richtung traumhafte Wanderwege, die an diesem frühlingshaften Märznachmittag gerne angenommen werden.

Fotografien von dem FŸrstentum Liechtenstein und Vaduz

Das mittelalterliche Schloß wurde im Laufe der Jahrhunderte sukzessiv erweitert und dient seit mehr als 200 Jahren als Wohn- und Dienstsitz der Fürstenfamilie. Besuchbar ist es nicht für private Leute, dafür führen Wanderwege unmittelbar an dem Schloß vorbei.

 

Hinein komme ich leider nicht ins Schloß, das ist für unter anderem Staatsgäste vorbehalten, dennoch genieße ich die herrliche Aussicht auf das Fürstentum im Panorama und den Sonnenschein.

© Text und Fotos – Cornelius Kalk

 

2012 im Rückblick

Mein eigener Blog im Rückblick auf das Jahr 2012. Auf viele neue bewegende Bilder und die Geschichten dazu im Jahre 2013. Ich freue mich auf regen Austausch mit meinen Lesern, interessante Menschen und vor allen Dingen tolle neue Perspektiven.

Die WordPress.com-Statistik-Elfen fertigten einen Jahresbericht dieses Blogs für das Jahr 2012 an.

Hier ist ein Auszug:

600 Personen haben 2012 den Gipfel des Mount Everest erreicht. Dieser Blog hat 2012 über 4.400 Aufrufe bekommen. Hätte jede Person, die den Gipfel des Mount Everest erreicht hat, diesen Blog aufgerufen, würde es 7 Jahre dauern, um so viele Aufrufe zu erhalten.

Klicke hier um den vollständigen Bericht zu sehen.

Frühstück in Weiß

Ein besonderes Nachbarschaftsfest! – Der Reetwerder, die Straße mit besonderem Charme im Bergedorfer Zentrum, veranstaltete am Sonntag, den 26. Juni 2011 ein „Frühstück in Weiß“. Eingeladen waren Anwohner, Geschäftsleute und Freunde rund um den Reetwerder, um gemeinsam diesen Tag zu gestalten. „Eine sehr schöne Idee, so etwas sollte jedes Jahr stattfinden. Es gefällt mir sehr.“ schwärmte die Nachbarin Martina Westphal aus der Ernst-Mantius-Straße.

Gedeckt an einer langen weißen Tafel nahmen die Freunde rund um den Reetwerder an dem sonnigen Tag zum gemeinsamen Frühstück Platz.

Denn alle Teilnehmer kamen ganz in Weiß gekleidet, Sitzgelegenheiten und Tische waren aufgestellt, jeder brachte etwas zu essen und zu trinken mit. Selbst das Wetter nahm dankbar die Einladung zum Frühstück an. Bei strahlendem Sonnenschein wurde die Veranstaltung zu einem großen Erfolg. „200-300 Reetwerderianer“ saßen an langen Tischreihen im abgesperrten Reetwerder, ließen es sich schmecken und verwandelten den Reetwerder in eine Gartenparty.

Begleitet wurde das erstmalige Fest von der Sängerin Sirin Esinsel, die zusammen mit ihrer Band in weißer Kleidung auftrat.

Zusätzlich untermalt wurde das „Frühstück in Weiß“ durch ein abwechslungsreiches Live-Musikprogramm und eine Kunstausstellung mit Fotos und Bildern in zahlreichen Schaufenstern der Geschäfte entlang der Straße.

Bereits früh am Morgen trafen sich an diesem Sonntag die Organisatoren und verteilten Tische und Bänke vom Zeltverleih Uwe Möller gestiftet entlang der Straße.

Die gute Laune beim Frühstück und der Erfolg bei den Besuchern führte dazu, dass eine Wiederholung im nächsten Jahr fest ins Auge gefasst wurde, denn auch die lokalen Geschäftsinhaber waren begeistert, wie etwa Meike Lube-Lüdeke vom Strandhaus: „Was für eine schöne Veranstaltung und alle sind so festlich und schön angezogen.“

© Text und Fotos – Cornelius Kalk

Die Geschäfte stellten außerdem entweder ihre Schaufensterflächen oder gleich die Ladenflächen für künstlerische Darbietungen zur Verfügung wie hier im Café Tolé.

Herzlich willkommen…

…auf meinem neu eingerichteten Blog. Er dient dazu, mich auf meinen Reisen zu begleiten und meine eigenen Erlebnisse zu veröffentlichen und zu teilen.

Im vergangenen Jahr ermöglichte mir mein Beruf insgesamt drei Reisen, eine nach Mallorca, die nächste nach England und schließlich bewegte ich mich noch eine Woche lang für die Zeitschrift ‚Boote‘ auf der Weichsel und entdeckte ein spannendes Polen.

Eine weitere Reise in den Iran verschob ich aufgrund der Unruhen lieber auf vorläufig unbestimmte Zeit, aber auch Persien habe ich auf eine Art und Weise für mich neu entdeckt, daß ich auch dieses Land unbedingt ausführlicher bereisen möchte, als es bisher möglich war.

Ich wünsche meinen Lesern daher viel Spaß beim Verfolgen meiner Geschichten!

Und allzeit gutes Licht wünscht Ihnen

Cornelius Kalk

Two crazy guys with their Nikons

Manchmal kommt ein guter Auftrag auch mal sehr kurzfristig. Es war ein Mittwoch Nachmittag, ich befand mich gerade bei guten Freunden, als ein befreundeter Fotograf bei mir anrief und mich fragte, ob ich in der kommenden Woche noch Zeit hätte und ihm assistieren könne. Weitere organisatorische Fragen konnten wir in enger Abstimmung mit unserem gemeinsamen Kunden schnell klären, ich kaufte mir am gleichen Tag noch einen Reiseführer und ab ging es bereits den Sonntag drauf über diesen großen Teich Richtung Washington D.C.

Unsere Mission lautete die Aufnahme von Gebäuden einer großen Fondsgesellschaft, nebst den Sehenswürdigkeiten der Stadt und die Anfertigung von Feature-Bildern. Die Gebäude befanden sich frisch im Portfolio des Emissionshauses, die mit den Bildern ihren Emissionsprospekt visualisieren wollten. Christian hatte dabei den Hut auf und ich half ihm dabei, wo ich konnte, sei als Chauffeur durch die Stadt zu fahren und dabei an den unmöglichsten Stellen kurz anzuhalten, sei es kleine Besorgungen zu erledigen oder auch nur den Kaffee zu organisieren. Sind Sie schon einmal mit einem richtigen Fotografen verreist? Kennen Sie den Wunsch, gerade mal das Objektiv wechseln zu müssen oder geeigneteres Licht abzuwarten? Bei uns war das gegenseitige Verständnis für solche Aktionen natürlich groß. Jeder führte seine eigene kleine Ausrüstung an Nikon-Kamera nebst Zubehör mit, was bei der Einreise bereits zu kleinen Verzögerungen führte. Die Nikon-Gehäuse waren damals zum Glück schon kompatibel, da mußten wir nicht lange überlegen, ob wir analog oder digital fotografieren, die meisten der Auftragsfotos entstanden aber wegen der schnelleren Bearbeitung in digitaler Form.

Genau in der Woche vor unserer Ankunft lag Washington unter einer hohen Schneedecke, mit der wir einzelne Aufnahmen von außen schlecht realisieren konnten, aber das Wetter geriet zunehmend unter Hochdruckeinfluß, der uns an einem Tag sogar frühlingshafte 17° C mitten im Februar bescherte. Daher nutzten wir insbesondere die ersten Tage zur sorgfältigen und vollständigen Belichtung der Bürokomplexe, zunächst nur nebenher später dann ausführlicher widmeten wir uns den Sehenswürdigkeiten und hielten nach charakteristischen Szenen vom urbanen Leben Ausschau. Täglich sammelten wir unsere Fotos, überspielten sie auf Festplatte, sichteten und bearbeiteten die ersten Ergebnisse, die Datensicherung nicht vergessen. Zwischendurch stimmten wir uns mit unserem zunehmend zufriedeneren Kunden ab und abends genossen wir still und heimlich die unzähligen Eindrücke der für uns vorher so fremden Stadt und gingen wegen der gewöhnungsbedürftigen Zeitumstellung früh schlafen.

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© Text und Fotos – Cornelius Kalk

Mein November 1989

Wir schreiben das Jahr 2014 nach Christi Geburt, es ist ein Jahr der politischen und persönlichen Rückblicke wie etwa in der kürzlich ausgestrahlten Dokumentation über das Leben von Jan Josef Liefers, der sein halbes Leben im Osten halb im Westen verbrachte. Der Anfang des ersten Weltkriegs liegt 100 Jahre zurück, der zweite 75, zwei historische Daten, die weit vor meiner Zeit liegen. Doch an den Mauerfall vor mittlerweile 25 Jahren erinnere ich mich noch sehr gut und ich weiß bis heute genau, wo ich mich damals aufgehalten habe und was ich an diesem historischen und weltweit wohl immer noch einzigartigen Tag gemacht habe.

Ich fange an mit einem gedanklichen Sprung in die 80er Jahre mit der Vokuhila-Frisur, mit modischen seidenen Oberhemden für Männer, mit Schulterpolstern, mit schmalen Lederkrawatten, mit Liedern wie ‚We didn’t start the fire‘, ‚Don’t worry, be happy‘ oder auch den amerikanischen Schlager ‚Looking for freedom‘. Die Top Ten im Osten bestanden ausschließlich aus deutschen Liedern von den Puhdys oder Silly. Es gab keine Handys, eher Telefone mit einer Schnur hängend mit Wählscheibe oder etwas fortschrittlicheren Tasten. Computer gab es schon, ich war noch zwei Jahre entfernt von dem Besitz meines ersten 286ers, wie es damals hieß. Windows war noch nicht erfunden oder nicht weit verbreitet, Kohl war Kanzler, ich ging in die Lehre zu einer Zeit, wo Kontoauszugsdrucker gerade eingeführt wurden. Musik gab es auf Schallplatte und CD, alle Teenager besaßen ein Tape-Deck, mit dem zu den Jugendprogrammen aus dem Radio alle Art von Musik mitgeschnitten wurde. Jede Aufnahme ohne Kommentar des Moderators feierten wir auf den Parties, wo wir viel Zeit mit Hin- Herspulen verbrachten, damit die Musik uns in die richtige Stimmung bringen konnte.

Das Leben und der Alltag waren geprägt von der weltweiten Spaltung in West und Ost. Die Amerikaner mit der Nato auf der westlichen Seite mit der sozialen Marktwirtschaft, wo Angebot und Nachfrage die Märkte beherrschten. Der gesamte Osten wurde gesteuert über die Planwirtschaft, was mit Wartezeiten für Wohnungen, Autos und Telefonanschlüsse in Jahren verbunden war.

Doch dann überschlugen sich die politischen und damit auch die persönlichen Ereignisse zahlreicher Bürger deutscher Herkunft. Die Grenze wurde nach vielen vielen Jahren der strikten Kontrolle auf einmal porös und durchlässig. Der Kommunismus befand sich auf dem damals noch unerkannten Rückzug, die Bürger wollten ihre Freiheit zurück, die Ausreisen von Ost nach West nahmen immer mehr zu. Die Leute oder besser das Volk waren den Kommunismus satt ohne Ende und kämpften gegen den Staat, gegen die Partei, gegen die Überwachung und gegen das System. Dieses Unterfangen war nicht ganz ungefährlich, doch die Entschlossenheit des Protests überrollte alle. Eine deutsch-deutsche Wiedervereinigung war 1988 noch undenkbar, wenn auch vorstellbar, aber ein Rezept oder Konzept dazu hatte bis weit hinein in 1990 keiner in der Tasche.

Jeder DDR-Bürger bekam von Banken und Sparkassen gegen Vorlage eines Ausweise sogenanntes Begrüßungsgeld ausgezahlt, worüber dann frei verfügt werden konnte.

Jeder DDR-Bürger bekam von Banken und Sparkassen gegen Vorlage eines Ausweise sogenanntes Begrüßungsgeld ausgezahlt, worüber dann frei verfügt werden konnte.

Ich bewohnte am 09.11.1989 mein Kinder- und Jugendzimmer bei meinen Eltern. Gegenstand vom damaligen Luxus stellte mein eigener kleiner Fernseher mit Kabelanschluß dar. Ich war immer schon politisch interessiert und wälzte mich zu der Zeit jede Woche durch mehrere hundert Seiten des Nachrichtenmagazins ‚Der Spiegel‘. Abends lief der Fernsehen und faßte die aufregenden Ereignisse des Tages zusammen, denn ein Internet als Nachrichtenquelle für jeden frei zugänglich verbreitete sich erst in den 90er Jahren. Der 9. November fiel auf einen Donnerstag, am nächsten Tag mußte ich zur Schule, die Fotografie gehörte damals zu meinem liebsten Hobby, doch die Qualität leider nicht vergleichbar mit der heutigen. Filme, die in die Kameras gehörten, gab man zur Entwicklung in ein Fotolabor, ich selbst besaß eine eigene Dunkelkammer. Ich konnte also schnell und günstig meine Ergebnisse ansehen und hatte im Idealfall nach einer Stunden ein fertiges analoges Foto in Papierform in meiner Hand.

Ein normaler Fernsehabend bestand an einem Donnerstag in den 80ern aus dem Schaufenster am Donnerstag, was im ZDF lief. Dazwischen irrten die Mainzelmännchen über den Schirm und trugen genauso zur Unterhaltung bei wie Hans Rosenthal mit seinem Spitze-Sprung oder Wilhelm Thoelke mit seiner Ratesendung und Wum und Wendelin, was an jenem Abend mit einem DFB-Pokal-Spiel konkurrierte. Was ich jetzt genau an diesem Tag gesehen habe, kann ich nicht sagen, doch die Nachricht von der Grenzöffnung erfuhr ich definitiv noch am Abend aus der Glotze und konnte es wohl genauso wenig fassen wie alle Bürger in Westdeutschland, alle Politiker weltweit, wie manch einer Grenzbeamte und wie so viele Bürger jenseits der Mauer. Die Mauer teilte auf einer Länge von knappen 1.400 km Deutschland und fast die Welt in zwei unüberbrückbare Hälften wie eine tiefe Narbe im politischen und alltäglichen System. Nun stand sie offen, in beide Richtungen, für alle, von heute auf morgen, es war unfaßbar, für mich, für meine Familie hier, für meine liebe Verwandschaft drüben, für alle 80 Millionen deutschen Bürger. Selbstverständlich meldeten sich schnell alle Politiker zu Wort und wollten entweder rasch oder besonnen handeln, aber zunächst war die Freiheit neu definiert worden. Die Reisemöglichkeit bestünde ab sofort, es war keine eindeutige Ansage damals, aber die ostdeutschen Politiker waren verunsichert, von dem Druck ihrer Bevölkerung, von den Demonstrationen, von der Friedfertigkeit, von der wachsenden Wut und damit auch Entschlossenheit mit allem Willen die Welt zu einen, die Freiheit zu bekommen, zu spüren, sie zu behalten und dieses Abenteuer der Geschichte nie wieder zu wiederholen.

Es war irgendeine Zeit zwischen 20:00 Uhr, der allabendlichen Tagesschau und 22:00 Uhr, als diese Nachricht Deutschland, Europa, die vier Besatzungsmächte, die ganze Welt traf. Nein, fassen konnte ich es wahrlich nicht. Ich freute mich für uns, für die da drüben und für diesen gewonnenen Kampf, der mit friedlichen Mitteln geführt wurde. Die Geschichte ließ mich dieses Ereignis bei vollem Bewusstsein und Verstand erfahren. Einmalig, so etwas kommt nicht wieder, aber bisher waren es nicht mehr als Bilder aus dem Fernsehen. Doch ich wollte mehr, ich wollte es erleben, dabei sein, jubeln, willkommen heißen und, ja auch fotografieren. Am Freitag musste ich zur Berufsschule, da wollte und konnte ich nicht fehlen. Wie ich heute noch meinen EDV-Lehrer höre – ‚Bankers are always prepared.‘ Ich rechnete mir die Fahrt kurz durch. Bis Lübeck benötige ich mindestens eine Stunde, ob ich dort bis zum Grenzübergang komme, ist ungewiß, aber Lübeck befand sich im Zonenrand, bis dahin muß ich auf jeden Fall. Morgen früh muß ich früh aufstehen, zur Schule, aber der Blockunterricht ist nachmittags herum, da könnte es gehen und ja nicht die gute Canon AE-1 vergessen. Leider bevorzugte ich damals noch das Normalobjektiv, heute würde ich daraus eine ganz eigene Reportage machen. Aber ich hatte die Kamera dabei und machte ganze fünf Fotos an einem Abend, wo ich aus heutiger Sicht wohl eher 5.000 gemacht hätte. Ob die Auswahl dann besser wäre, lasse ich mal offen.

Freitag Nachmittag war es soweit, die Grenze war tatsächlich nach den Fernseh- und Rundfunkberichten immer noch offen, die Bürger durften reisen und wurden sogar mit Bargeld begrüßt. Das Begrüßungsgeld stand jedem Bürger der DDR zu und wurde über die Banken ausgezahlt. Es handelte sich um eine Summe von einigen DM, was ungemein besser war als die gleiche Summe in der damaligen Ostmark. Ein Nachbar und ich fuhren zusammen mit einem Auto von Kiel nach Lübeck ins historische Abenteuer meines Lebens. Unterwegs hörten wir ununterbrochen Radio, die genauen Reportagen sind mir heute nicht mehr bekannt. Aber sämtliche Straßen rund um den Grenzübergang müssen dicht gewesen sein. Die Geschäfte auf Westseite verbuchten nicht nur direkt nach der Grenzöffnung den Umsatz ihrer Existenz. Gefragt war alles, was es nicht ausreichend in der DDR gab und das war viel. Angefangen mit Bananen und weitere Obstsorten, Luxuslebensmittel wie Kaffee und Schokolade, elektrische Artikel bis hin zu Autos. Gut, Autos wurden nicht gleich unmittelbar im November gekauft, dafür war eine ganze Zeit später noch der Gebrauchtwagenmarkt durch übertrieben hohe Preise geprägt. Wer damals seinen Wagen verkaufen konnte, hatte Glück, wer einen vernünftigen gebrauchten suchte, konnte selbst in Hamburg nur drei Wagen unter 10.000.- DM an einem Wochenende ausfindig machen.

Ein Trabi in Westdeutschland galt damals als kleine Sensation. In Lübeck war an jenem Tag nach dem Mauerfall die ganze Stadt davon voll.

Ein Trabi in Westdeutschland galt damals als kleine Sensation. In Lübeck war an jenem Tag nach dem Mauerfall die ganze Stadt davon voll.

Wann wir in Lübeck genau ankamen, weiß ich nicht mehr, es war jedenfalls schon dunkel, sonst hätte ich bei Tageslicht noch weitere Fotos gemacht. Normalerweise legt sich im November der Nebel angenehm in die Luft und sorgt für diese typische Novemberstimmung mit dem schummrigen Licht. Das Licht in Lübeck war ebenso schummrig, lag aber nicht am Nebel, sondern an den Abgasrauschwaden der Trabis, Ladas und Wartburgs, die die gesamte Innenstadt verstopften und vergasten. Der Geruch von 2-Takt-Gemischen lag in der Luft, die Freude über die gewonnene Freiheit ebenso und zwar deutlich auf beiden Seiten, also West wie Ost. Die Freude war groß, der Hunger, es mitzuerleben ebenso. Daher ab in eine Bank, bei der Auszahlung vom Begrüßungsgeld zuschauen, willkommen im Westen, herzlich willkommen in Lübeck. Für viele wurde der Traum ihres Lebens war, es war der Moment gekommen, wo zusammenwachsen konnte, was zusammengehört und solange getrennt wurde. Es war ein irres Gefühl, es erlebt zu haben und heute mir die für mich historischen selbst aufgenommen Aufnahmen anzusehen und sich dann wieder daran zu erinnern. An die Aufregung, die Aufbruchsstimmung, den Segen, die stickige Abgasluft, an die noch nie da gewesene Anzahl von Trabis in Lübeck, an die Euphorie auf der Rückfahrt und an die großartige gegenseitige Hilfsbereitschaft der Deutschen.

© Text und Fotos – Cornelius Kalk