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2012 im Rückblick

Mein eigener Blog im Rückblick auf das Jahr 2012. Auf viele neue bewegende Bilder und die Geschichten dazu im Jahre 2013. Ich freue mich auf regen Austausch mit meinen Lesern, interessante Menschen und vor allen Dingen tolle neue Perspektiven.

Die WordPress.com-Statistik-Elfen fertigten einen Jahresbericht dieses Blogs für das Jahr 2012 an.

Hier ist ein Auszug:

600 Personen haben 2012 den Gipfel des Mount Everest erreicht. Dieser Blog hat 2012 über 4.400 Aufrufe bekommen. Hätte jede Person, die den Gipfel des Mount Everest erreicht hat, diesen Blog aufgerufen, würde es 7 Jahre dauern, um so viele Aufrufe zu erhalten.

Klicke hier um den vollständigen Bericht zu sehen.

Alstereisvergnügen 2012

Das hat es seit 15 Jahren nicht mehr gegeben – auch wenn der Winter in den letzten beiden Jahren immer wieder zum Spaziergang auf der Außenalster in Hamburg einlud, das Eis war für eine große Menge Menschen einfach nicht dick genug. Es wurde gebibbert und gewartet, aber letztendlich wurde es kurz vorher wieder abgesagt – das mögliche Alstereisvergnügen.

Das Alstereisvergnügen war ein Highlight in dem kurzen aber knackigen Winter 2011/2012, der von Jung und Alt trotz der klirrenden Kälte mit über 1 Million Menschen besucht wurde.

Doch im Jahr 2012 kam ein stabiles Hochdruckgebiet aus Russland nach Europa und machte aus Hamburg einen Gefrierschrank. Die Kälte wich nicht aus, hielt sich diesmal länger als 2 Wochen und erreichte Minuswerte, die man als Pluswerte ganz gut aushalten könnte. Dann war es soweit, inoffiziell sickerte es bereits am Dienstag durch alle Kanäle, die Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt gäbe zum Wochenende die Alster zum Betreten frei. Verkaufsstände wurden organisiert und auf beiden Uferseiten der Alster aufgestellt, die langen Unterhosen im Schrank hervorgewühlt und alles freute sich auf das sehr ungewöhnliche Volksfest mitten im norddeutschen Winter.

Von früh bis spät waren heiße Getränke der einzige mögliche Renner auf der Alster. Entweder wurde Kaffee, Kakao oder Glühwein in Thermoskannen mitgebracht oder die Durstigen nutzten das Gastronomieangebot, was rund um die Alster zur Verfügung stand

So kamen am Wochenende vom 10. bis 12. Februar mehr als eine Million Menschen und huldigten das Wahrzeichen Hamburgs diesmal durch einen Spaziergang auf der Alster bei klirrender Kälte und aufgrund der geringen Schneehöhe mit zahlreichen Sturzmöglichkeiten. Über die Anzahl der Knochenbrüche liegt dem Autor allerdings kein Zahlenmaterial vor, ein Radiosender rief ohne Absprache mit der Behörde zum Flashmob auf der Alster ein. Diese tanzende Einlage wurde denn aber wegen der Gefahr durch mögliche Schwingungen schnell wieder abgesagt. Dennoch genossen alle Hamburger trotz des Verkehrschaos rund um der Alster diese außergewöhnliche Kulisse und den wasserseitigen Blick auf die Silhouette der schönsten Stadt der Welt.

© Text und Fotos – Cornelius Kalk

Vorwärts kamen die Besucher mit unterschiedlichen Hilfsmitteln. Beliebt waren neben den Schlittschuhen auch Schlitten oder Kinderwagen, die einem bei der Glätte zu mehr Stabilität verhalfen.

Das gefrorene Wasser lockte mehr als eine Million Besucher nach Hamburg, die einen herrlichen Blick auf die im Wandel befindliche Hamburger Kulisse werfen konnten.

Zwei Hamburger Sehenswürdigkeiten auf einen Streich

Was für ein Anblick. Nachdem die Landungsbrücken in Hamburg lange Zeit renoviert wurden, ist die Bauplane um den Turm im Jahr 2011 verschwunden. Dazu wurde im November/Dezember des gleichen Jahres eines der größten Touristenmagneten überholt und liegt selbst im Trockendock von Blohm und Voss – die Queen Mary 2.

Die Queen Mary 2 im Dock von Blohm & Voss vor den LandungsbrüŸcken.

Die Landungsbrücken dienen als Wasserbahnhof mit einer schwimmenden Anlegestelle als zentraler Ausgangspunkt von Hafenfähren und Hafenrundfahrten. Der Turm befindet sich an der Ostseite der Anlage und zeigt neben der Uhrzeit auch den jeweiligen Wasserstand an.

Eine typische Hamburger Kulisse mit prominenter Besatzung – Landungsbrücken, Hafenkräne und die Queen Mary im Dock bei Blohm & Voss.

Der erste Schiffsanleger wurde 1839 errichtet, da damals der Antrieb noch mit Kohle erfolgte und man weit genug vom Land entfernt sein wollte. Die Bauten sind immer noch eine der meist besuchten Sehenswürdigkeiten der Hansestadt und auf unzähligen Postkarten befindet sich das allseits beliebte Fotomotiv.

Die Anlage besteht aus einzelnen Pontons, die numeriert sind und als Hausnummer der Souvenirläden, Imbißgeschäfte und Gastronomiebetriebe dienen.

Als Gast in Hamburg immer sehr beliebt – Queen Mary 2

Die Queen Mary 2 wird auch als QM2 abgekürzt und wird von der britischen Reederei Cunard Line als Flaggschiff betrieben. In Hamburg lief das imposante Passagierschiff im Jahr 2004 das erste Mal ein, flankiert von mehreren Hunderttausend Zuschauern. Langsam gleitete es damals in den Hafen, nahm es gekonnt mit den ohnehin wenigen hohen Gebäuden der Stadt auf, bis es mitten im Hafen vorsichtig gedreht wurde.

Inzwischen ist das Kreuzfahrtschiff ein regelmäßiger Stadt auf Anlässen wie Hafengeburtstag oder gar den Cruise Days. Im Juli 2012 findet sogar ein Cunard Day benannt nach der Reederei statt, bei sich die Königin neben ihrer Schwester der Queen Elizabeth im Hamburger Hafen die Ehre gibt.

© Text und Fotos – Cornelius Kalk

Besuchstermine 2012 – alle Angaben ohne Gewähr (Quelle: hamburg.de):

  • 13. Mai 2012 Ankunft gegen Mittag, Abfahrt am späten Abend (Besuch beim Hafengeburtstag Hamburg)
  • 20. Mai 2012 Ankunft am frühen Morgen, Abfahrt am Abend
  • 15. Juli 2012 Ankunft am Morgen, Abfahrt am späten Abend (Cunard Day – Gemeinsamer Besuch mit dem Schwesterschiff Queen Elizabeth)
  • 25. Juli 2012 Ankunft am Morgen, Abfahrt am Abend
  • 12. August 2012 Ankunft am frühen Morgen, Abfahrt am späten Abend
  • 19. August 2012 Ankunft am frühen Morgen, Abfahrt am Abend (Besuch bei den Hamburg Cruise Days)

All zu nah nach… – was auch immer?

Wer nach Hamburg reist, egal wie lange, kommt kaum um Altona herum. Von der Einwohnerzahl mit der schleswig-holsteinischen Landeshauptstadt Kiel vergleichbar vereint der westlichste Bezirk solch unterschiedliche Stadtteile wie die Altstadt, die szenigen und damit sehr beliebten Gegenden Sternschanze und Ottensen sowie die vornehmeren Viertel wie Blankenese. In dieser Konstellation gehört es noch keine 100 Jahre zu Hamburg und ist dennoch nicht mehr wegzudenken.

Blick zur blauen Stunde vom Altonaer Balkon Richtung Elbe – Postmodernes Bürogebäude trifft dort auf das Hafenpanorama.

Der Weg führt uns durch das Galão schlürfende Szeneviertel Ottensen direkt an die Elbe zum Altonaer Balkon. Von hier aus ist die Orientierung prächtig. In Richtung Süden schweift der Blick über die Docklands des Hamburger Star-Architekten Hadi Teherani weiter geradeaus in Richtung Hafen – dem Pulsschlag der Stadt. Hier pocht die Arbeit ununterbrochen, die Kräne sind im Dauereinsatz und unzählige Container wechseln ihren Inhalt. Richtung Westen ahnt man den Fischmarkt, die Altstadt von Altona und jede Menge Fisch. Selbst Ina Müller huldigt mit ihrer Nacht die Folklore der hanseatischen Tradition von Shantychören. Dem Westen gehört Blankenese, wo der Besucher erfährt, wie viele Treppen so ein Gebiet umfassen kann. Und Ottensen, wo der Besucher bereits seinen Galão schlürfen konnte, befindet sich nördlich vom Altonaer Balkon, von wo aus wir einen Ausflug in die Altstadt Altonas unternehmen.

Guter Start mit einer guten Grundlage für einen Rundgang egal zu welcher Tageszeit stellt das Fischerhaus dar. Traditionell hergerichtete Speisen zählen zu den Spezialitäten des Hauses.

Der Fischmarkt selbst, die Haifischbar, die Fischauktionshalle und das Stilwerk sind nur einige der prominenten Vertreter der Backsteingebäude direkt an der Elbe, dort wo bei Sturmflut schnell einige Autos unter Wasser stehen. Etwas weiter Richtung Westen am Fuße der in den 80er Jahren besetzten Hafenstraße liegt ein ehrwürdiges, wenn auch etwas altbackenes Fischlokal Fischerhaus mit seinem gelben markanten Anstrich von außen. Wer dagegen die direkte Lage am Wasser bevorzugt, kann den guten Ausblick aus dem Restaurant ‚La Vela‘ erhaschen. Überhaupt reihen sich entlang der Kühlhäuser an der Großen Elbstraße kleine, rustikale Fischimbisse, wo an Wochenenden Heerscharen von Hamburgern den köstlichsten frischen Fisch verzehren. Unverzichtbar ist ein kühles Blondes in der Haifischbar ein Sammelsurium aus maritimen Gegenständen wie Buddelschiffe oder Rettungsringen.

Im ‚La Vela‘ wird der Gast noch groß geschrieben, Service geht über alles.

Wer lieber gepflegt shoppen gehen möchte, kommt um das Stilwerk nicht herum. Ein buntes Treiben von Möbelgeschäften und Lifestyle-Produkten gehen hier über den Ladentisch – ein Konzept, das es auch nach Berlin, Düsseldorf und Wien geschafft hat.

Die Haifischbar ist ein Tummelbecken nicht nur für die Hamburger Haie.

Nach dem ganzen Heckmeck bleibt der Blick im Fokus des Bummlers. Wieder wird das Lokal von der Wasserkante und den gigantischen Kränen geprägt, doch diesmal etwas höher hinaus, an der oberen Seite der Hafenstraße, wo künstliche Palmen und etwas Rasen die Ruhe zum Einhalten geben sollen.

Typischer Sonntagmorgen in der Fischauktionshalle.

© Text und Fotos – Cornelius Kalk

Die Macherin

Die Macherin läßt sich ihre Weiblichkeit trotz aller Widrigkeiten nicht nehmen.

Anastasia Umrik hat kein Geld, aber einen Plan. „Die Zeit kann kurz werden“, dachte sie, nachdem sie im Winter drei Wochen mit einer Lungenentzündung  im Krankenhaus verbracht hat. Sie hat Muskelschwund und Infektionen sind für sie viel gefährlicher als für gesunde Menschen.

Sie veröffentlichte eine Anzeige, mit der sie Fotografen suchte. „Die vier Besten habe ich ausgesucht“, erklärt Anastasia Umrik mit absoluter Selbstverständlichkeit. Das Fotoprojekt soll Situationen aus dem Leben von Frauen mit Muskelschwund zeigen. Die Idee hatte Umrik schon 2010: „Viele waren begeistert und haben gefragt, wie ich das finanzieren will.“ Die Finanzierung steht nicht, alle arbeiten ehrenamtlich mit. Es sollen eine Ausstellung und ein Buch entstehen.

Ihre Form der Muskelschwunderkrankung ist progressiv, das heißt, Anastasia Umrik kann sich immer weniger bewegen. Wie es ist, wenn die Muskelkraft immer weiter nachlässt, aber der Geist wach bleibt, beschreibt sie so: “Man hat genug Zeit sich daran zu gewöhnen. Ich spüre die Veränderung gar nicht. Nach zehn Jahren merke ich: Das konnte ich mal, jetzt kann ich es nicht mehr.“ Aber Angst mache es schon, zu wissen, dass sie das Wasserglas irgendwann nicht mehr selbst heben kann. Sie schaut ernst, aber nicht ängstlich.

Assistenz heißt Betreuung rund um die Uhr – tagein, tagaus.

„Die Assistenz bedeutet Freiheit für mich“ erklärt sie. Anastasia Umrik ist 24 Jahre jung und sowohl Arbeitgeberin als auch Arbeitnehmerin. Sie war auf einer Schule für Körperbehinderte, auf der Handelsschule und ist Groß- und Außenhandelskauffrau. Bei der Assistenzgenossenschaft hat sie eine halbe Stelle. Frau Umrik benötigt rund um die Uhr Assistenz, das heißt, es muss immer jemand da sein, der ihr hilft. Zum Beispiel, um die Tür zu öffnen. Sie selbst schreibt die Stellen aus, sie teilt die Dienste ein und sie bezahlt die Assistentinnen. Das Geld dafür bekommt sie vom Sozialhilfeträger und der Pflegeversicherung. Dafür darf sie kein höheres Vermögen als 2600 Euro ansparen.

Jeden Tag arbeitet sie zwei bis drei Stunden für ihr Fotoprojekt, an Tagen mit Fotoshootings werden es mehr. Wir sitzen in ihrer modern eingerichteten Wohnung. Es stehen weiße Orchideen im Fenster, auf der dunkelbraunen Couch liegen cremefarbene und türkise Kissen. Es stehen keine Bilder herum. „Die Deko fehlt noch“, sie lächelt: „ich hatte einfach noch keine Zeit dafür.“

„Die üblichen Sachen aus dem Leben“, möchte sie mit Models darstellen, Fragen stellen und provozieren möchte sie auch. „Wie würde die Gesellschaft reagieren, wenn eine Prostituierte im Rollstuhl sitzt?“ Fragt sie und probiert es mit einem Model aus. „Es gibt ja so unbedachte Aussagen, wie ‚an den Rollstuhl gefesselt’, das stellen wir auch mal dar“, erklärt sie.

„Weil ich öfter gehört habe, wie ist das bei Euch im Bett?“ wird es auch Erotik-Shootings geben. „Es kann schön sein, auch wenn der Körper etwas anders aussieht“, erklärt sie. Die Models spricht sie selbst an, sie kommen auf eigene Kosten nach Hamburg.

So verschmitzt Anastasia Umrik auch wirkt, es ist nicht einfach ein nettes Hobbyprojekt. Ernst wird sie beim Thema Sterbehilfe: „Selbst entscheiden, wann man stirbt.“ Sterbehilfe ist in Deutschland verboten, man kann also nur freiwillig aus dem Leben scheiden, wenn man sich genug bewegen kann.

Und wie reagieren nicht Behinderte in im täglichen Leben? Oft „nett und normal“, aber „manche Menschen sind sehr distanziert. Sie haben vielleicht Ängste und reagieren mit Kontaktvermeidung.“

„Im Winter veranstalte ich eine Benefizparty“, das ist Umriks Plan zum Geld sammeln. „Ich bin eine Rampensau“, sagt sie und zwinkert. Überhaupt wirkt Frau Umrik sehr souverän. „Weil Muskelschwund Frauen körperlich schwach sind und sich nicht beim Joggen abreagieren können, sind wir mental stark“, erläutert sie. Überdurchschnittlich viele haben einen hohen Bildungsgrad. „Wir ermüden selten, und wenn geben wir es nicht zu“, sagt sie. Wegen der Ausgrenzung „will man auch zeigen, was man kann.“

Ab Herbst wird sie studieren. Dann gibt sie die halbe Stelle auf und beantragt Bafög. Chefin sein, arbeiten, das Projekt weiterführen und studieren wäre selbst für Anastasia Umrik zu viel.

Text
Sigrun Friederike Priemer
Bansenstraße 2
21075 Hamburg
Telefon 040-98769119
E-mail sigrun.priemer@web.de

Fotos
Cornelius Kalk
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22081 Hamburg
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Sankt Pauli Buccaneers – American Football und Sozialprojekt

Headcoach Campino Milligan bei einer Trainingseinheit mit der Jugendmannschaft der St. Pauli Buccaneers.

In Hamburg trainert Headcoach Campino Milligan die Football Mannschaft von St. Pauli. Viele junge Männer finden durch das Training einen neuen Lebensweg.

Vor jedem Spiel sprechen die Buccaneers kniend ein Gebet. Bitten und Danken ist für viele der Spieler eine neue Erfahrung, doch für die neue Richtung, in die sie gehen wollen, krempeln sie ihr Leben um.

Schwere Jungs, die vor dem Spiel alle zusammen beten. Ein Ritual für alle, auf das keiner mehr verzichten mag.

American Football: Das Ende von Drogen, Gewalt und Kriminalität?

Bevor ich zum American Football kam, habe ich viel Zeit totgeschlagen“, erzählt Patrick, 20 Jahre alt. Nick, 19 Jahre alt, berichtet: „Ich habe früher öfters die Schule geschwänzt, hatte Streitereien mit anderen, und mit der Polizei hatte ich auch Probleme.“ Mounir, 18 Jahre alt, äußert sich ähnlich: „Meine Freunde und ich haben vor der Glotze gehangen und Computerspiele gespielt. Aber davon stirbt irgendwann die Seele.“

Aus Patrick, 20 Jahre alt, ist ein ganzer Mann geworden, der sich inzwischen sogar über eigenen Nachwuchs freuen kann.

Alle drei kommen aus Stadtteilen, in denen das Leben für Jugendliche oft perspektivlos ist. Das Ergebnis sind Geschichten, in denen es um Drogen, Gewalt, Kriminalität geht und die oft im Gefängnis enden. Nick hatte Glück. Nach einem Einbruch wurde er zu Arbeitsstunden verurteilt. Als er diese abgeleistet hatte, entschied er sich für die Buccaneers. Dort setzte ein Lernprozess ein, als Headcoach Campino Milligan ihm erklärte, dass er an seine Zukunft denken müsse. Dabei verfügt Milligan nicht über der Allgemeinheit unzugängliche Weisheiten. Er verlangt nur das, was er selbst geleistet hat. Durch seine eigene Geschichte belegt er, dass Aufgeben keine Alternative ist.

Seine Mutter gab ihn früh zur Adoption frei, mit seiner deutschen Familie kam der US-Amerikaner nicht klar. Mit 17 zog er aus, war auf sich allein gestellt. Er hätte auf die schiefe Bahn geraten können, doch er fand Halt im Sport.

Headcoach Campino Milligan steht am Rande des Spielfelds und zieht von seinen Jungs immer wieder neue Kraft und viel Freude. Er stellt für manchen eine Art Vaterersatz dar.

American Football ist ein Integrationssport

Bei allem, was er verlangt, hat Milligan ein effektives Druckmittel. Denn er verbannt alle, die sich nicht an seine Regeln halten, vom Spielfeld. Eine harte Strafe, wenn man hört, was die Spieler über ihren Sport sagen. Linebacker Patrick, der vor fünf Jahren durch seinen Bruder dazukam, bekennt: „Ich liebe diese Sportart. Sie ist Teil meines Lebens.“ Mounir gesteht: „ Ohne Helm fühle ich mich wie eine Frau ohne Handtasche.“

Dass diese Sportart es vermag, junge Männer von der Straße zu holen, hat zwei Gründe: Man braucht Aggressivität und jeder kann American Football betreiben. „Der große, dicke, Breite wird genauso gebraucht wie der kleine, schnelle Dünne“, sagt Milligan. Attribute wie Religion, Hautfarbe und Herkunft sind bei der Aufnahme ins Team unmaßgeblich. Milligan betont, dass die Verbundenheit auf inneren Werten basiert, dass die Buccaneers aus zurzeit 21 Nationen bestehen, dass nicht alle aus problematischen Verhältnissen kommen, dass die Mannschaft trotz alledem funktioniert. „Hier lernt man das Miteinander und das Füreinander“, erklärt Milligan und ergänzt: „Wir haben das Sozialprojekt vor allem durch die Genialität dieses Sports fördern können, denn er integriert so viele Menschen.“

Nick ist 19, geriet schon mal auf eine schiefe Bahn, kümmert sich nun aber als Vorbild um die Jugendlichen in seinem Ghetto. Er ist zwar kein Pädagoge, kennt aber die Herausforderungen des Alltags sehr genau und gilt als leuchtendes Vorbild.

Schule schwänzen und schwarz fahren wird nicht geduldet

Seit der Gründung der Buccaneers im Oktober 2003 war klar, dass auch der soziale Aspekt im Vordergrund stehen solle. Gezielt geht Milligan auf Jugendliche zu, um ihnen diese Sportart nahe zu bringen. So kam Patricks Bruder Igor zur Mannschaft. Er bewies Talent spielte schließlich in den USA.

„Ich möchte, dass möglichst viele in die Staaten gehen. Diejenigen, die hier bleiben, sollen ihre Ausbildung fertig machen und dann möglichst auch in der Nationalmannschaft spielen“, sagt Milligan und fügt hinzu: „Alle sollen zurückblicken und dann sagen können, dass sie eine schöne Jugend hatten.“ Dafür müssen die Spieler zunächst ein zweimonatiges Probetraining bewältigen. Milligan erklärt: „Die Jungs müssen ihre Bereitschaft zeigen, sich in das Team zu integrieren und die Regeln anzunehmen. Sie müssen ihr Leben radikal ändern.“

Mounir, 18 Jahre alt kommt aus einem Hamburger Stadtteil, in dem das Leben für Jugendliche an vielen Tagen eintönig, meistens schwierig und nur allzu oft perspektivlos ist.

Um einen Spielerpass zu bekommen, müssen die Freibeuter regelmäßig zur Schule gehen und kriminelle Aktivitäten, auch schwarz fahren, einstellen. Gebrandschatzt wird nur noch auf dem Spielfeld. Damit das funktioniert, hält Milligan Kontakt zu Eltern und Lehrern. Er sagt: „Die Ausbildung steht immer an erster Stelle.“ So hat Patrick eine überbetriebliche Ausbildung zum Instandsetzungsmechaniker gemacht und strebt nun einen Realschulabschluss an. Punktemacher Nick hat ein Berufsvorbereitungsjahr absolviert und arbeitet in einem Schuhgeschäft, in dem er eine Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann beginnen kann. Für alle, die das Probetraining schaffen, verändert sich viel. Patrick erzählt: „Seitdem ich hier bin, habe ich gelernt, etwas mit ganzem Herzen tun.“

Campino kann jeden Jungen gebrauchen. American Football ist eine Sport, in der es für jede Statur eine Position gibt. Dadurch erhalten viele Jugendliche eine neue Perspektive und sie lernen, eigene Ziele zu verfolgen.

Gute Manieren, das vierte Gebot und neue Freundschaften

Das liegt vielleicht daran, dass er von Menschen umgeben ist, die sich kümmern. Denn hinter Milligan steht ein Team, das sich um Abläufe, Organisation, Pressearbeit und Sponsoren kümmert. Darüber hinaus trainieren weitere Coaches die Läufer, Receiver, Werfer und Kicker, die Angriffs- und Verteidigungslinie sowie die Rückraumverteidigung. Milligan erklärt: „Die Jungs geben uns ihre Zeit, und darum wollen wir sie während des Trainings so gut wie möglich coachen und ihnen so viel wie möglich beibringen.“

Für Milligan sind das auch guter Umgangston und Manieren Und dann ist da noch das vierte Gebot. „Campino hat mir klar gemacht, was meine Mutter dazu beisteuert, dass wir hier mitmachen können“, berichtet Patrick. Dann erzählt er, dass seine Mutter trotz zwei Jobs die Zeit findet, ihre Söhne zum Training zu fahren.

Viele Eltern freuen sich, dass ihre Sprösslinge einen neuen Freundeskreis innerhalb des Teams aufbauen. Nick, der vor drei Jahren zu den Buccaneers kam, sagt: „Ich grüße meine Freunde von früher noch, aber ansonsten halte ich mich da aus allem raus.“

„American Football ist ein Teil von mir.
Ohne Helm fühle ich mich wie eine Frau
ohne Handtasche.“

Milligans Traum: Junge Männer ohne Vorstrafen

Trotz dieser positiven Bilanz verfügt die Mannschaft über keinen eigenen Platz. Die aus 57 Spielern bestehende Jugendmannschaft trainiert an zwei Abenden am Millerntor, davon einmal zusammen mit den 42 Herren. Die müssen an einem weiteren Abend nach Eidelstedt ausweichen. Insgesamt eine frustrierende Situation. „Wir brauchen endlich einen Heimathafen. Wir brauchen die Stadt, und die Stadt braucht uns. Wenn wir zusammenarbeiten würden, könnten wir vieles realisieren und die Mannschaft könnte zum Vorzeigeobjekt werden“, meint Milligan.

Vorzeigeobjekt und Inspiration für Football Mannschaften in anderen Städten zu sein, ist Milligans Traum. Er möchte Jungen, die Probleme haben und bereiten, von der Straße holen und würde sich über Nachahmer freuen. Er wünscht sich einen Ort, wohin diese Jungen direkt nach der Schule gehen können, um dort zu essen, Hausaufgaben zu machen und zu trainieren. Er möchte ihnen die Förderung und die Zuneigung geben, die sie brauchen, um mit Anfang 20 als gestandene Männer, ohne Vorstrafen, da zu stehen.

Es ist Milligans Traum, Vorzeigeobjekt und deutschlandweit Inspiration für andere Mannschaften zu sein. Er möchte das Team vergrößern sowie die Betreuung ausbauen. Sein Plan ist es, bereits mit den Acht- bis 14-Jährigen zu trainieren. Er stellt sich einen Ort vor, an dem Jungen nach der Schule essen, Hausaufgaben machen und dann trainieren können. Er möchte ihnen die Förderung geben, die sie brauchen, um mit Anfang 20 ohne Vorstrafen dazustehen.

Text
Bettina McDowell
Kaudiekskamp 5
22395 Hamburg
Telefon 040-60450646
E-mail mail@mcdowellpr.de
Web www.mcdowellpr.de

Fotos
Cornelius Kalk
Beimoorstraße 11
22081 Hamburg
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Street Photography

Vor 15 Jahren war es für die meisten immer noch neu, überall mobil erreichbar zu sein. Heute ist man mit iPads, iPhones oder Smartphones anderer Hersteller nahezu immer online. Und ob es gut ist oder nicht, der Leistungsdruck innerhalb unserer Gesellschaft ist doch stetig gewachsen und einigen fällt es mittlerweile schwer, da mitzuhalten. Totale Erschöpfung ist da nur eine der Folgen, die Wartelisten für Therapieplätze steigen ständig und damit steigt auch der volkswirtschaftliche Schaden erheblich an.

Dieses Foto entstand zwischen dem Haspa Marathon und dem Spiel der St. Pauli Buccaneers an einer U-Bahn-Station mitten in Hamburg.

© Text und Fotos – Cornelius Kalk – Fotografie

Die Welt dreht sich schneller und doch brauchen wir immer wieder Ruhezonen, die uns unsere eigenen Bedürfnisse wahrnehmen und spüren lassen.

Was für ein Plunder

In jeder Region in Deutschland heißen Brötchen anders – Schrippe in Berlin, Semmel in Hessen, Weckle in Schwaben und Franken oder Rundstück in Hamburg. Brötchen einfach beim Bäcker einzukaufen, bedeutet für Touristen meist selbst innerhalb von Deutschland einen neuen Begriff zu lernen. Süße Varianten von Brötchen gibt es hingegen schon seltener, aber eine davon  gehört mit steigender Beliebtheit zum typischen Hamburger Frühstückstisch dazu – das Franzbrötchen.

Platt und an mehreren Stellen eingedrückt – die verschiedenen Thesen zur Herkunft beschäftigen sich mehr mit den Zutaten, denn mit der charakteristischen Form vom Franzbrötchen.

Der Name leitet sich aus der Herkunftsgeschichte ab, da der Ursprung wohl in der Zeit der französischen Besatzung Anfang des 19. Jahrhunderts liegt. Zu dem genauen Ablauf streiten sich aber die Historiker. Fest steht, das ein normaler Laib Brot unter dem Einfluß der Franzosen und dem Croissant angelehnt wohl mit Butter gebacken wurde. Die Veredelung fand dann später in einer Fettpfanne statt. Die auf Stadtrundfahren verbreitete Anekdote, es habe ein Hamburger aus Wut über die Besatzung mit bloßer Faust auf ein Croissant geschlagen und es zum Franzbrötchen platt gemacht, gehört dagegen eher in die Kategorie Seemannsgarn. Eine andere Quelle liefert eine schöne Anekdote über einen Franz, der das Hamburger Hungerbrot aus Versehen platt drückte und ihm so seinen Namen gab.

Was zum Verzehr des Brötchens auf jeden Fall nicht fehlen darf, ist die Lust zum Genuß und der zum guten Geschmack beitragende Würze von Zimt. Manche beschmieren den klebrigen Teig unmittelbar vorher noch mit einer Extraportion Butter. Die Basis der typischen Hamburger Spezialität ist jeweils ein Plunderteig, der an einigen Stellen eingedrückt wird und so seine charakteristische Form erhält. Inzwischen gibt es von der klassischen süßen Variante zahlreiche Ableger mit Mandeln, Nüssen oder kleinen Schokoladenstücken. Für die herzhafte Fraktion werden schon mal Kürbiskerne dazu gemischt.

Und noch ein Tipps zum Ende, wie der Genuß vom Franzbrötchen noch gesteigert werden kann. Einfach über Nacht liegen lassen und durchsuppen lassen. Das Aroma vom Zimt verteilt sich somit bis zum letzten Bissen. „Ich mag das auch lieber durchgesuppscht, aber so bekomme ich die Brötchen leider nicht verkauft. Legen Sie das Franzbrötchen nur dann noch auf einen Toaster!“ Siehe da! Die Bestätigung vom Bäcker Hans-Günther Hönig aus Niendorf erfolgt unmittelbar für meinen anscheinend eigenen Geschmack. Die Kunden danken ihm die Qualität seiner Backwaren nicht zuletzt am Samstag Morgen mit meterlangen Schlangen vor seinem Stammhaus in der Ordulfstraße.

© Text und Fotos – Cornelius Kalk

Two crazy guys with their Nikons

Manchmal kommt ein guter Auftrag auch mal sehr kurzfristig. Es war ein Mittwoch Nachmittag, ich befand mich gerade bei guten Freunden, als ein befreundeter Fotograf bei mir anrief und mich fragte, ob ich in der kommenden Woche noch Zeit hätte und ihm assistieren könne. Weitere organisatorische Fragen konnten wir in enger Abstimmung mit unserem gemeinsamen Kunden schnell klären, ich kaufte mir am gleichen Tag noch einen Reiseführer und ab ging es bereits den Sonntag drauf über diesen großen Teich Richtung Washington D.C.

Unsere Mission lautete die Aufnahme von Gebäuden einer großen Fondsgesellschaft, nebst den Sehenswürdigkeiten der Stadt und die Anfertigung von Feature-Bildern. Die Gebäude befanden sich frisch im Portfolio des Emissionshauses, die mit den Bildern ihren Emissionsprospekt visualisieren wollten. Christian hatte dabei den Hut auf und ich half ihm dabei, wo ich konnte, sei als Chauffeur durch die Stadt zu fahren und dabei an den unmöglichsten Stellen kurz anzuhalten, sei es kleine Besorgungen zu erledigen oder auch nur den Kaffee zu organisieren. Sind Sie schon einmal mit einem richtigen Fotografen verreist? Kennen Sie den Wunsch, gerade mal das Objektiv wechseln zu müssen oder geeigneteres Licht abzuwarten? Bei uns war das gegenseitige Verständnis für solche Aktionen natürlich groß. Jeder führte seine eigene kleine Ausrüstung an Nikon-Kamera nebst Zubehör mit, was bei der Einreise bereits zu kleinen Verzögerungen führte. Die Nikon-Gehäuse waren damals zum Glück schon kompatibel, da mußten wir nicht lange überlegen, ob wir analog oder digital fotografieren, die meisten der Auftragsfotos entstanden aber wegen der schnelleren Bearbeitung in digitaler Form.

Genau in der Woche vor unserer Ankunft lag Washington unter einer hohen Schneedecke, mit der wir einzelne Aufnahmen von außen schlecht realisieren konnten, aber das Wetter geriet zunehmend unter Hochdruckeinfluß, der uns an einem Tag sogar frühlingshafte 17° C mitten im Februar bescherte. Daher nutzten wir insbesondere die ersten Tage zur sorgfältigen und vollständigen Belichtung der Bürokomplexe, zunächst nur nebenher später dann ausführlicher widmeten wir uns den Sehenswürdigkeiten und hielten nach charakteristischen Szenen vom urbanen Leben Ausschau. Täglich sammelten wir unsere Fotos, überspielten sie auf Festplatte, sichteten und bearbeiteten die ersten Ergebnisse, die Datensicherung nicht vergessen. Zwischendurch stimmten wir uns mit unserem zunehmend zufriedeneren Kunden ab und abends genossen wir still und heimlich die unzähligen Eindrücke der für uns vorher so fremden Stadt und gingen wegen der gewöhnungsbedürftigen Zeitumstellung früh schlafen.

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© Text und Fotos – Cornelius Kalk

Mein November 1989

Wir schreiben das Jahr 2014 nach Christi Geburt, es ist ein Jahr der politischen und persönlichen Rückblicke wie etwa in der kürzlich ausgestrahlten Dokumentation über das Leben von Jan Josef Liefers, der sein halbes Leben im Osten halb im Westen verbrachte. Der Anfang des ersten Weltkriegs liegt 100 Jahre zurück, der zweite 75, zwei historische Daten, die weit vor meiner Zeit liegen. Doch an den Mauerfall vor mittlerweile 25 Jahren erinnere ich mich noch sehr gut und ich weiß bis heute genau, wo ich mich damals aufgehalten habe und was ich an diesem historischen und weltweit wohl immer noch einzigartigen Tag gemacht habe.

Ich fange an mit einem gedanklichen Sprung in die 80er Jahre mit der Vokuhila-Frisur, mit modischen seidenen Oberhemden für Männer, mit Schulterpolstern, mit schmalen Lederkrawatten, mit Liedern wie ‚We didn’t start the fire‘, ‚Don’t worry, be happy‘ oder auch den amerikanischen Schlager ‚Looking for freedom‘. Die Top Ten im Osten bestanden ausschließlich aus deutschen Liedern von den Puhdys oder Silly. Es gab keine Handys, eher Telefone mit einer Schnur hängend mit Wählscheibe oder etwas fortschrittlicheren Tasten. Computer gab es schon, ich war noch zwei Jahre entfernt von dem Besitz meines ersten 286ers, wie es damals hieß. Windows war noch nicht erfunden oder nicht weit verbreitet, Kohl war Kanzler, ich ging in die Lehre zu einer Zeit, wo Kontoauszugsdrucker gerade eingeführt wurden. Musik gab es auf Schallplatte und CD, alle Teenager besaßen ein Tape-Deck, mit dem zu den Jugendprogrammen aus dem Radio alle Art von Musik mitgeschnitten wurde. Jede Aufnahme ohne Kommentar des Moderators feierten wir auf den Parties, wo wir viel Zeit mit Hin- Herspulen verbrachten, damit die Musik uns in die richtige Stimmung bringen konnte.

Das Leben und der Alltag waren geprägt von der weltweiten Spaltung in West und Ost. Die Amerikaner mit der Nato auf der westlichen Seite mit der sozialen Marktwirtschaft, wo Angebot und Nachfrage die Märkte beherrschten. Der gesamte Osten wurde gesteuert über die Planwirtschaft, was mit Wartezeiten für Wohnungen, Autos und Telefonanschlüsse in Jahren verbunden war.

Doch dann überschlugen sich die politischen und damit auch die persönlichen Ereignisse zahlreicher Bürger deutscher Herkunft. Die Grenze wurde nach vielen vielen Jahren der strikten Kontrolle auf einmal porös und durchlässig. Der Kommunismus befand sich auf dem damals noch unerkannten Rückzug, die Bürger wollten ihre Freiheit zurück, die Ausreisen von Ost nach West nahmen immer mehr zu. Die Leute oder besser das Volk waren den Kommunismus satt ohne Ende und kämpften gegen den Staat, gegen die Partei, gegen die Überwachung und gegen das System. Dieses Unterfangen war nicht ganz ungefährlich, doch die Entschlossenheit des Protests überrollte alle. Eine deutsch-deutsche Wiedervereinigung war 1988 noch undenkbar, wenn auch vorstellbar, aber ein Rezept oder Konzept dazu hatte bis weit hinein in 1990 keiner in der Tasche.

Jeder DDR-Bürger bekam von Banken und Sparkassen gegen Vorlage eines Ausweise sogenanntes Begrüßungsgeld ausgezahlt, worüber dann frei verfügt werden konnte.

Jeder DDR-Bürger bekam von Banken und Sparkassen gegen Vorlage eines Ausweise sogenanntes Begrüßungsgeld ausgezahlt, worüber dann frei verfügt werden konnte.

Ich bewohnte am 09.11.1989 mein Kinder- und Jugendzimmer bei meinen Eltern. Gegenstand vom damaligen Luxus stellte mein eigener kleiner Fernseher mit Kabelanschluß dar. Ich war immer schon politisch interessiert und wälzte mich zu der Zeit jede Woche durch mehrere hundert Seiten des Nachrichtenmagazins ‚Der Spiegel‘. Abends lief der Fernsehen und faßte die aufregenden Ereignisse des Tages zusammen, denn ein Internet als Nachrichtenquelle für jeden frei zugänglich verbreitete sich erst in den 90er Jahren. Der 9. November fiel auf einen Donnerstag, am nächsten Tag mußte ich zur Schule, die Fotografie gehörte damals zu meinem liebsten Hobby, doch die Qualität leider nicht vergleichbar mit der heutigen. Filme, die in die Kameras gehörten, gab man zur Entwicklung in ein Fotolabor, ich selbst besaß eine eigene Dunkelkammer. Ich konnte also schnell und günstig meine Ergebnisse ansehen und hatte im Idealfall nach einer Stunden ein fertiges analoges Foto in Papierform in meiner Hand.

Ein normaler Fernsehabend bestand an einem Donnerstag in den 80ern aus dem Schaufenster am Donnerstag, was im ZDF lief. Dazwischen irrten die Mainzelmännchen über den Schirm und trugen genauso zur Unterhaltung bei wie Hans Rosenthal mit seinem Spitze-Sprung oder Wilhelm Thoelke mit seiner Ratesendung und Wum und Wendelin, was an jenem Abend mit einem DFB-Pokal-Spiel konkurrierte. Was ich jetzt genau an diesem Tag gesehen habe, kann ich nicht sagen, doch die Nachricht von der Grenzöffnung erfuhr ich definitiv noch am Abend aus der Glotze und konnte es wohl genauso wenig fassen wie alle Bürger in Westdeutschland, alle Politiker weltweit, wie manch einer Grenzbeamte und wie so viele Bürger jenseits der Mauer. Die Mauer teilte auf einer Länge von knappen 1.400 km Deutschland und fast die Welt in zwei unüberbrückbare Hälften wie eine tiefe Narbe im politischen und alltäglichen System. Nun stand sie offen, in beide Richtungen, für alle, von heute auf morgen, es war unfaßbar, für mich, für meine Familie hier, für meine liebe Verwandschaft drüben, für alle 80 Millionen deutschen Bürger. Selbstverständlich meldeten sich schnell alle Politiker zu Wort und wollten entweder rasch oder besonnen handeln, aber zunächst war die Freiheit neu definiert worden. Die Reisemöglichkeit bestünde ab sofort, es war keine eindeutige Ansage damals, aber die ostdeutschen Politiker waren verunsichert, von dem Druck ihrer Bevölkerung, von den Demonstrationen, von der Friedfertigkeit, von der wachsenden Wut und damit auch Entschlossenheit mit allem Willen die Welt zu einen, die Freiheit zu bekommen, zu spüren, sie zu behalten und dieses Abenteuer der Geschichte nie wieder zu wiederholen.

Es war irgendeine Zeit zwischen 20:00 Uhr, der allabendlichen Tagesschau und 22:00 Uhr, als diese Nachricht Deutschland, Europa, die vier Besatzungsmächte, die ganze Welt traf. Nein, fassen konnte ich es wahrlich nicht. Ich freute mich für uns, für die da drüben und für diesen gewonnenen Kampf, der mit friedlichen Mitteln geführt wurde. Die Geschichte ließ mich dieses Ereignis bei vollem Bewusstsein und Verstand erfahren. Einmalig, so etwas kommt nicht wieder, aber bisher waren es nicht mehr als Bilder aus dem Fernsehen. Doch ich wollte mehr, ich wollte es erleben, dabei sein, jubeln, willkommen heißen und, ja auch fotografieren. Am Freitag musste ich zur Berufsschule, da wollte und konnte ich nicht fehlen. Wie ich heute noch meinen EDV-Lehrer höre – ‚Bankers are always prepared.‘ Ich rechnete mir die Fahrt kurz durch. Bis Lübeck benötige ich mindestens eine Stunde, ob ich dort bis zum Grenzübergang komme, ist ungewiß, aber Lübeck befand sich im Zonenrand, bis dahin muß ich auf jeden Fall. Morgen früh muß ich früh aufstehen, zur Schule, aber der Blockunterricht ist nachmittags herum, da könnte es gehen und ja nicht die gute Canon AE-1 vergessen. Leider bevorzugte ich damals noch das Normalobjektiv, heute würde ich daraus eine ganz eigene Reportage machen. Aber ich hatte die Kamera dabei und machte ganze fünf Fotos an einem Abend, wo ich aus heutiger Sicht wohl eher 5.000 gemacht hätte. Ob die Auswahl dann besser wäre, lasse ich mal offen.

Freitag Nachmittag war es soweit, die Grenze war tatsächlich nach den Fernseh- und Rundfunkberichten immer noch offen, die Bürger durften reisen und wurden sogar mit Bargeld begrüßt. Das Begrüßungsgeld stand jedem Bürger der DDR zu und wurde über die Banken ausgezahlt. Es handelte sich um eine Summe von einigen DM, was ungemein besser war als die gleiche Summe in der damaligen Ostmark. Ein Nachbar und ich fuhren zusammen mit einem Auto von Kiel nach Lübeck ins historische Abenteuer meines Lebens. Unterwegs hörten wir ununterbrochen Radio, die genauen Reportagen sind mir heute nicht mehr bekannt. Aber sämtliche Straßen rund um den Grenzübergang müssen dicht gewesen sein. Die Geschäfte auf Westseite verbuchten nicht nur direkt nach der Grenzöffnung den Umsatz ihrer Existenz. Gefragt war alles, was es nicht ausreichend in der DDR gab und das war viel. Angefangen mit Bananen und weitere Obstsorten, Luxuslebensmittel wie Kaffee und Schokolade, elektrische Artikel bis hin zu Autos. Gut, Autos wurden nicht gleich unmittelbar im November gekauft, dafür war eine ganze Zeit später noch der Gebrauchtwagenmarkt durch übertrieben hohe Preise geprägt. Wer damals seinen Wagen verkaufen konnte, hatte Glück, wer einen vernünftigen gebrauchten suchte, konnte selbst in Hamburg nur drei Wagen unter 10.000.- DM an einem Wochenende ausfindig machen.

Ein Trabi in Westdeutschland galt damals als kleine Sensation. In Lübeck war an jenem Tag nach dem Mauerfall die ganze Stadt davon voll.

Ein Trabi in Westdeutschland galt damals als kleine Sensation. In Lübeck war an jenem Tag nach dem Mauerfall die ganze Stadt davon voll.

Wann wir in Lübeck genau ankamen, weiß ich nicht mehr, es war jedenfalls schon dunkel, sonst hätte ich bei Tageslicht noch weitere Fotos gemacht. Normalerweise legt sich im November der Nebel angenehm in die Luft und sorgt für diese typische Novemberstimmung mit dem schummrigen Licht. Das Licht in Lübeck war ebenso schummrig, lag aber nicht am Nebel, sondern an den Abgasrauschwaden der Trabis, Ladas und Wartburgs, die die gesamte Innenstadt verstopften und vergasten. Der Geruch von 2-Takt-Gemischen lag in der Luft, die Freude über die gewonnene Freiheit ebenso und zwar deutlich auf beiden Seiten, also West wie Ost. Die Freude war groß, der Hunger, es mitzuerleben ebenso. Daher ab in eine Bank, bei der Auszahlung vom Begrüßungsgeld zuschauen, willkommen im Westen, herzlich willkommen in Lübeck. Für viele wurde der Traum ihres Lebens war, es war der Moment gekommen, wo zusammenwachsen konnte, was zusammengehört und solange getrennt wurde. Es war ein irres Gefühl, es erlebt zu haben und heute mir die für mich historischen selbst aufgenommen Aufnahmen anzusehen und sich dann wieder daran zu erinnern. An die Aufregung, die Aufbruchsstimmung, den Segen, die stickige Abgasluft, an die noch nie da gewesene Anzahl von Trabis in Lübeck, an die Euphorie auf der Rückfahrt und an die großartige gegenseitige Hilfsbereitschaft der Deutschen.

© Text und Fotos – Cornelius Kalk