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Hundert Jahre Leben

Neugeborene, die in diesem Jahrtausend zur Welt kommen, haben eine fünfzigprozentige Chance 100 Jahre alt zu werden. Einhundert Jahre. Wie ist das, wenn man so alt wird? Und welche Rolle spielt all das, was landläufig wichtig erscheint, wirklich?

Dorf in der Bergregion Sardiniens

Ein Geheimnis des Alters beheimatet Sardinien, jener Insel im westlichen Mittelmeer, auf der sich an der Costa Smeralda im Sommer der internationale Jet-Set die Klinken in die Hände drückt.

1.800 Kilometer beeindruckender Küste umfassen eine Vielzahl von Landschaften –abwechselnd flache Dünen bis hin zu steil aufragenden Gebirgsmassiven. Das Meerwasser leuchtet manchmal azurblau, manchmal türkis, hier und da auch ultramarin.

Auf jeden Einwohner Sardiniens kommen etwa zwei Schafe. Das wichtigste Exportgut ist neben dem aus der Milch hergestellten Pecorino-Käse auch die Korkrinde, die überwiegend auf dem italienischen Festland verbraucht wird. Mitten im Herzen der Insel befindet sich eine Region, die trotz zahlreicher  Eroberungsversuche, noch bis heute in einheimischer Hand ist.

Diese Gebirgsregion birgt ein kleines Geheimnis des Altwerdens, auf dessen Spur sich zahlreiche Wissenschaftler in aller Welt begeben haben.

Auf Sardinien leben – geburtsurkundlich belegt –weltweit die meisten Menschen gemessen an der Gesamtbevölkerung, die ein vollständiges Jahrhundert erlebten. Grund genug, um die Lebensweise dieser Menschen näher zu betrachten.

Nehmen wir Guiseppina. Friedlich und versunken sitzt sie in Ihrem Korbsessel, die Hände im Schoß gefaltet.

Giuseppinas Lieblingsplatz direkt am Kamin


Trotz bereits frühlingshafter 20° C Außentemperatur trägt Guiseppina dicke Wollsocken gegen die Kälte, die durch die Fliesen in ihren Körper drängt. Neben ihr im Kamin ein kleines Feuer, das sie wärmt. Ein Kopftuch, das Sardinnen seit ewigen Zeiten tragen, bedeckt das dürre Haar, aus dem Kinn wachsen zwei Bartansätze. Die Augen blicken fahl in die Gegend und die Unterhaltung, wenn möglich, ist laut und sardisch. Dieser Dialekt stirbt nur bei denen aus, denen Sardinien nichts bedeutet. Und das sind nur wenige Sarden. Vielleicht ist es bezeichnend, daß er näher am Lateinischen als am Italienischen ist: Mit seiner urigen, gewachsenen Kultur lebt es sich für den Sarden immer noch am besten.

Gefaltete HäŠnde einer 100-jährigen Sardin

So dämmert Guiseppina ruhig und dankbar vor sich hin, nebenbei schaut die kleine Tochter des Nachbarn ein wenig fern. Ab und an nimmt sie die weichen alten Hände in die ihre und gibt ein wenig von ihrer Jugend. Fünf und hundert Jahre durchströmen diesen Raum, hinterlassen unmerklich und wie selbstverständlich eine Atmosphäre des Staunens.

Guiseppina wurde am 29.11.1903 geboren. Sie hat die Insel nie verlassen, ist Zeit ihres Arbeitslebens an jedem Morgen und jedem Abend zehn Kilometer zu ihrer Pflicht gewandert. Holz schleppen, Weinreben pflegen, Oliven ernten, Tiere versorgen, Felder bestellen, Schafe hüten. Nicht zuletzt kümmerte sie sich um sechs Kinder und einen Ehemann. Ihre Ernährung war oft einseitig. Von wegen täglicher Genuß von Olivenöl hält einen jung: Dafür war meist kein Geld vorhanden. Als Ersatz diente einfaches Schweineschmalz. Das genügte. Der Körper verbrannte dank harter Arbeit alles. Probleme mit hohen Cholesterinwerten? Unbekannt. Ärzte wurden im Notfall aufgesucht. Guiseppina begab sich nur zweimal in ihrem über hundert Jahre alten Leben in medizinische Obhut. Sie hat zweimal Arzneien zu sich genommen. Zweimal. In 100 Jahren. In Deutschland ergäbe das eine Lebenspraxisgebühr von 20 Euro.

Stadteuropäische Selbstverständlichkeiten: Altersheime oder Hospize sind den Sarden im Inneren unbekannt. Kinder schlossen mit ihren Eltern einen Generationenvertrag, der nicht in Frage gestellt wird. Eltern bleiben einfach bei ihren Kindern wohnen und werden von ihnen versorgt und gepflegt. Guiseppina wohnt bei ihrer Tochter, die sie im besten Frauenalter zur Welt gebracht hat.

Giuseppe im Innenhof bei der Familie

Guiseppe aus demselben Ort, im hundersten Jahr angelangt, hat fünf Kindern das Leben geschenkt. Eines davon hat vielleicht sein Leben gerettet. Denn, geboren im Oktober 1905, mußte Guiseppe Sardinien verlassen und zog ins ferne Triest zum Militär. Er wurde eingezogen, verbrachte sechs Monate in der Ausbildung und war der Brigata Sarda, einem sicheren Selbstmordkommando, zugeteilt. Da ereilte ihn die frohe Kunde aus dem für ihn so fernen Sardinien. Sein viertes Kind war geboren und vier Kinder bedeutet sofortige Freistellung vom Militär. Familienförderung der Italiener – ganz im Sinne der Sarden!

Eines seiner Kinder ist vergleichsweise jung im Alter von 72 verstorben. Guiseppe hat einen Bruder, der mittlerweile 95 Jahre alt ist und seine jüngere Schwester ist gerade mal 90 Jahre alt.

Schon als kleines Kind liebte Guiseppe Schafe. Sie waren sein Leben, sie begleiteten seinen Weg, insgesamt 69 Jahre lang. Blökend, wenn er sie die Straßen entlang lenkte, auf der täglichen Reise ihr Futter findend.

Mit 77 Jahren setzte Guiseppe sich zur Ruhe, seinen Schäferstock gibt er jedoch bis heute aber nicht aus der Hand. Er hält ihn fest umschlungen in einer weich gewordenen, braun gebrannten Hand.

Stolz gehaltener SchäŠferstock


Die Haut schimmert wie Perlmutt, draußen im Schatten des Innenhofes. Als hätte er sich für die Fotos fein gemacht, trägt er ein weißes Hemd, darüber einen blauen Pullover mit V-Ausschnitt, ländlich rustikal dazu ein Jackett aus braunem Cord. Sein schlohweißes Haar schaut unter der Mütze hervor. Die tief stehende Abendsonne verklärt den Anblick bis zur Unglaublichkeit.

Verschmitzt blickt er uns an. So, als habe er es nicht nur früher faustdick hinter den Ohren gehabt. Hat auch sein Gehör nachgelassen, blicken seine Augen noch immer lebhaft in die Bergluft. Auch sein Lieblingsplatz im Haus befindet sich neben einem kleinen Feuer am hauseigenen Kamin. Ein kleines Feuer wärmt den Jahrhundertmann, der schlicht und zufrieden, dankbar und von all dem Leben angefüllt, bei seinem Sohn wohnt. Todsterbenskrank war er, berichtet sein Sohn. Die Ärzte hatten ihn schon fast aufgegeben. Aber wozu ihn dann im Krankenhaus lassen? Welchen Sinn macht das Sterben, wenn seine Familie ihn doch gut versorgen kann? Eine Art Wunder geschah: Innerhalb von zwei Jahren erholte sich der Vater.

Und am Ende lernt man das Wichtige doch von den Jungen: Guiseppes Sohn rühmt die Kombination aus dem Rückhalt in der Familie, ehrlicher Arbeit und einer soliden, kraftgebenden Ernährung. Wenn die Familie als Wunderheilerin dient, die sogar tödliche Krankheiten besiegt, was wünschen wir uns?

Hundertjährig in der Sonne sitzen, wissen um das Gewesene und gelassen wartend auf das Kommende.

© Text und Fotos – Cornelius Kalk

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Gutes Öl muß kratzen!

Die Ernte findet in der Toskana von Mitte Oktober bis Mitte Dezember statt, während sich das Laub allmählich in die herbstliche Farbpalette verwandelt.

Es ist Mitte November in dem kleinen Dorf San Lorenzo in der südlichen Toskana und die Sonne sorgt bereits für lange Schatten. Sie hat immer noch genügend Kraft für angenehm milde 17° C. Die Bauern aus der gesamten Provinz Grosseto treffen sich bei der Ölmühle Giovani, die die traditionelle Kaltpressung von Oliven mit modernen Methoden und Maschinen verbindet. Sie liefern dort entweder in ihren modernen Kombis oder alten, aber immer noch fahrtüchtigen Piaggios Körbeweise ihre tägliche Ernte ab, warten auf die Pressung, begutachten kritisch die Herstellung des Öls und freuen sich ganz gespannt auf die erste Kostprobe des neuen Jahrgangs. Welche Farbe hat das Öl diesmal, wie duftet es, wie zähflüssig und wie hoch ist der für die Qualität wichtige Säuregehalt.

Die Bäume können bis zu 2000 Jahre alt werden.

Die privat bewirtschaftete Mühle greift bei der Verarbeitung der Früchte auf eine über fünfzigjährige Tradition zurück, einer Erfahrung, der man seine frisch gepflückten Oliven gerne anvertraut. Im November und Dezember herrscht dort reger Hochbetrieb, nur sonntags kommt die Technik zum Stillstand und die Einwohner erholen sich von der anstrengenden Woche und schlafen ihren Rausch vom Vorabend aus. Denn da steht traditionell der Gang zum Dorflokal auf der Agenda. Der Besitzer Tanino, selbst im Besitz von einigen Bäumen und tagsüber ebenfalls mit der Ernte beschäftigt, zaubert abends in seiner Küche die leckersten Gerichte selbstverständlich aus den einfachen, aber schmackhaften Zutaten der Toskana. Die Vorspeise besteht natürlich aus Bruschetta, zubereitet mit salzlosen Brot und dem hauseigenen Öl. Der Wein kommt ebenfalls aus der Region und wird getrunken und bei dem ersten Hauptgang mit Nudeln und dem zweiten bei Fleisch werden die Neuigkeiten aus dem Dorf und der Umgebung ausgetauscht.

Der Erntehelfer zieht seine Mütze zurecht, bevor es wieder auf der Leiter in den Baum geht.

Zur Ehre des Öls findet einmal im Jahr sogar ein Fest statt, das mitunter bei unvorhergesehenen Ereignissen im Dorf auch schon mal um eine Woche verschoben werden kann. Viva Italia! Im Rahmen dieses Festes werden die verschiedenste Öl gekostet, was genau wie eine Weinprobe sehr professionell über die Bühne geht. Aus einem kleinen Gefäß wird ein Schluck dieser goldgelbgrünen Flüssigkeit zu sich genommen, im Mund bewegt und heruntergeschluckt. Beim Schlucken entsteht bei gutem Öl ein Gefühl von Kratzen im Hals.

Das Netz zum Auffangen der Oliven ist um den Baum gelegt, die Körbe stehen bereit und als nächstes geht es zur Ernte auf die Leiter hoch in den Baum hinein.

Die Umgebung vom Dorf ist voll von sanften Hügeln, die Platz für jede Menge von diesen knorrigen und teilweise Jahrhunderte alten Bäumen bieten. Im Tal befindet sich fruchtbarer Lehmboden. Früher war es reines Sumpfgebiet, mit einer entsprechend hohen Population an Mücken, die Malaria weit verbreitet haben. Noch unter Mussolini wurde es in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts trocken gelegt und zum Anbau von Oliven und Wein kultiviert. Die Ernte der rund zigtausend Bäume im Herbst kann grundsätzlich nach drei traditionellen Verfahren eingefahren werden. Bei allen werden um den Stamm herum zunächst engmaschige Netze ausgebreitet, damit ja keine Frucht auf den Erdboden gelangt. Falls sich schon welche dort befinden, bleiben sie auch dort und werden nicht weiter verwendet. Das Auflesen von vorher abgefallenen Früchten gilt als absolutes Tabu und kann die Qualität beeinträchtigen.

Bevor die Ernte in die Körbe gelangt, werden kleine Zweige und überreife Früchte aussortiert.

Haben die Früchte hingegen einen gewissen Reifegrad erreicht und verfärben sich allmählich von grün bis ins schwarze, fallen sie entweder alleine ab oder sie können durch einfaches Schütteln vom Baum geholt werden. Dabei fallen aber oft nur die wirklich sehr reifen schwarzen Früchte herunter, was wiederum für einen hohen Säuregehalt und dabei tendenziell für eine schlechtere Qualität des Öls sorgt. Das beste Öl entsteht nach vorherrschender Meinung dann, wenn die reifen Früchte mit einer Art Rechen mit fingerdicken Zinken heruntergekämmt werden. Diese mühselige Handarbeit wird an diesem sonnigen Novembertag durch zwei Erntehelfer durchgeführt, die sich irgendwo im Olivenhain verbergen und sich auf einer kleinen Wanderung durch die Bäume nur durch ihre Unterhaltung anhand der Stimmen orten lassen.

Nachdem ein Baum abgeerntet wurde, wird das Netz fort zum nächsten Baum bewegt.

Einer von Ihnen ist bspw. Bottaij Ego, der zusammen mit Brunote Bruno von Sonnenaufgang bis zum Untergang mit der Ernte beschäftigt ist und dabei etwa 12 bis 15 Bäume im Besitz der Mühle abhaken. Der eine steht dabei mit seinen lehmigen Schuhen auf dem Netz am Boden und streift vorsichtig seinen Rechen durch die unteren Äste und Zweige. Der zweite stellt seine Holzleiter mitten zwischen die unzähligen Früchte. Die Füße der Leiter sind dabei mit dicken Stoffetzen umwickelt, damit sie durch den größeren Durchmesser nicht so leicht im feuchten Lehm einsacken. Ein kleiner Strick dient als notdürftige Sicherung und los geht es, auf die Sprossen in den kleinen Baumwipfel der Sonne entgegen. Pro Baum können dabei je nach Alter schon mal 10 bis 20 kg zusammen kommen, erzählt mir einer der beiden.

Bevor die Oliven in die Körbe kommen, werden sie vom gröbsten Schmutz befreit.

Sobald ein Baum abgehakt ist, werden die Oliven, die sich inzwischen auf dem Netz aus Kunststoff befinden, zusammengesammelt und in einen der vielen Körbe getan. Mit Einbruch der Dunkelheit werden sie dann in die nahe gelegene Ölmühle gebracht in Riesenbehälter umsortiert und das Pressen kann beginnen. Dafür werden dann die Früchte von Blättern mit einer Art Staubsauger getrennt, gewaschen und schließlich in einer von vier Pressen verarbeitet. Jede Presse erhält von außen so einen gelben Klebezettel mit der Herkunft der Früchte, damit anschließend das frische Öl der richtigen Quelle und damit Besitzer zugeordnet werden kann.

Wie ein dicker goldener Sirup läuft das gelbgrüne Öl aus der Presse heraus.

Bei der anschließenden Abfüllung in Flaschen läuft dann das Öl dickflüssig und trüb in einen 20 l Kanister. Pro Stunde können so etwa 3000 kg Oliven verarbeitet werden. Und für einen Liter Öl benötigt man umgerechnet ca. 5 kg reife Früchte, was wiederum 600 l Öl ausmacht. Das trübe Aussehen ist dabei noch kein Indiz für die Qualität, erklärt Christian Seewer, Besitzer eines Agriturismo in San Lorenzo. Christian Seewer hat sich vor drei Jahren zusammen mit seiner Frau entschieden, seinen Ofenbaubetrieb in der Schweiz zu verkaufen und ein neues, anderes Leben anzufangen und bis heute haben die beiden Ihre Entscheidung nicht bereut. 12 ha Olivenhaine haben sie in ihrem Besitz und lassen das Öl zum Eigenverbrauch, zum Verschenken an ihren Freundeskreis und zum Verkaufen pressen. Selbst zu medizinischen Zwecken wird das noch unerforschte Öl inzwischen eingesetzt. Schon ein Löffel gegen Magenschmerzen wirkt oft Wunder und dient als Ergänzung zu traditionellen Heilverfahren, behauptet der Schweizer.

Am Morgen noch am Baum, steht nachmittags das frische Öl zum Verkauf in den Regalen der Ölmühle Giovani.

Während sich allerdings der Weinbau in der Region auf dem Vormarsch befindet, sind die alten Bäume geschützt und dürfen auf keinen Fall einfach abgeholzt werden. Lediglich die Entkernung ist erlaubt und ein Baum bildet nach dem Beschneiden eine Art Kranz aus Ästen die aus dem Boden herausragen. Auf diese Art und Weise erreicht die Pflanze und ihren äußeren Zweige ausreichend Sonnenlicht im Sommer und die Früchte können in Ruhe reifen. Für manche mag es immer noch ein Rätsel sein, warum gutes Olivenöl in deutschen Delikateßgeschäften einen dermaßen hohen Preis aufweist, aber wer einmal diese Knochenarbeit gesehen oder vielleicht sogar mitgemacht hat, entwickelt ein ganz anderes Verständnis für die Mühen, die hinter der Gewinnung dieses flüssigen Goldes steckt.

© Text und Fotos – Cornelius Kalk