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In der Warteschleife – Teil 3

Kunst als Ein-Euro-Job?

Nur, wenn es anders nicht geht.

Drei etwas andere Künstlerportraits.

Martin Götze und die Riesenengel

Martin Götze, 47 Jahre alt, sitzt vor einem Riesengemälde, auf dem sich zwei Engel umarmen. Der gelernte Tischler malt Wälder und den Hafen von Fotos ab. Hilfsjobs und ABM-Maßnahmen kennt er schon seit den achtziger Jahren. Nach zwei Jahren bei der Bundeswehr zu Beginn der neunziger Jahre gilt er nicht mehr als Tischlergeselle, sondern als Hilfstischler. „Ich habe mich immer bemüht, mich besser zu stellen“, betont er. Es ist sein letzter Tag in der KOM. Abgesehen von dem zwei Meter langen Engelsgemälde, stehen seine Bilder hintereinander in der Ecke. Bereit zum Mitnehmen. Deswegen ist ein Freund von ihm dabei, der sich während des Gesprächs zu einem anderen Künstler gesellt. An diesem Tag spielen Bilder und Malen keine große Rolle. Nur soviel sagt er dazu: “Ich habe schon immer privat für Freunde gemalt.“ Die Arbeitsgelegenheit bei der KOM bewertet er so: „Man greift in kein Gewerbe ein und die Beschäftigung ist auch gut für die Gesellschaft.“ Die Zusätzlichkeit bleibt gewahrt, würde das in der Fachsprache heißen.

Die Engel bewegen sich über Martin Götze.

Die Engel bewegen sich über Martin Götze.

Martin Götze findet, dass man nur dann nicht arbeiten dürfe, wenn man krank sei. Sein Schwager sehe das auch so. Der Druck, der auf ihm lastet kommt von Innen und Außen. Er erläutert alles möglichst sachlich, überlegt und freundlich. Die Situation ist neu. Er nimmt öffentlich Stellung zu einem Thema, über das er schon viel nachgedacht hat.

Seit 2008 ist er – mit kurzen Unterbrechungen – diesmal schon arbeitslos. Vorher hat er über eine Verleihfirma für sechs Euro achtzig die Stunde Wäsche sortiert und ein anderes Mal Gummidichtungen. Bei einer bekannten Modefirma hat er im Lager in Moorfleet viel Lob bekommen, seine Bewerbung beim Unternehmen selbst war nicht erfolgreich „Sie haben gesagt, ich passte nicht ins Team“ erklärt er und schaut zweifelnd. „Nichts tun ist schlimmer als arbeiten. Es geht nicht um das Geld“ begründet er seine Versuche, wieder bei einer Verleihfirma unterzukommen.

Martin Goetze an seinem bunten Malplatz in der KOM.

Martin Goetze an seinem bunten Malplatz in der KOM.

Er spricht über Aggressivität bei Arbeitslosen und die „drei Stufen der Verweigerung“: „erst will man es nicht wahrhaben, dann wehrt man sich, dann sagt man sich: Ist halt so.“ Er versuche mit dem Malen das Beste aus der Situation zu machen und verweigere sich dem Alkohol: „Mit der Arbeitslosigkeit bin ich schon genug gestraft, aber als Alkoholiker im Park gefunden werden, ist noch schlimmer.“ Resigniert wirkt Götze nicht, er wehrt sich noch, aber er versucht auch sich zu arrangieren.

“Ich will mal sehen, was der Markt mir bietet”, sagt er.

Teil 4 folgt…

© Text Sigrun Friederike Priemer | © Fotos Cornelius Kalk