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Die Macherin

Die Macherin läßt sich ihre Weiblichkeit trotz aller Widrigkeiten nicht nehmen.

Anastasia Umrik hat kein Geld, aber einen Plan. „Die Zeit kann kurz werden“, dachte sie, nachdem sie im Winter drei Wochen mit einer Lungenentzündung  im Krankenhaus verbracht hat. Sie hat Muskelschwund und Infektionen sind für sie viel gefährlicher als für gesunde Menschen.

Sie veröffentlichte eine Anzeige, mit der sie Fotografen suchte. „Die vier Besten habe ich ausgesucht“, erklärt Anastasia Umrik mit absoluter Selbstverständlichkeit. Das Fotoprojekt soll Situationen aus dem Leben von Frauen mit Muskelschwund zeigen. Die Idee hatte Umrik schon 2010: „Viele waren begeistert und haben gefragt, wie ich das finanzieren will.“ Die Finanzierung steht nicht, alle arbeiten ehrenamtlich mit. Es sollen eine Ausstellung und ein Buch entstehen.

Ihre Form der Muskelschwunderkrankung ist progressiv, das heißt, Anastasia Umrik kann sich immer weniger bewegen. Wie es ist, wenn die Muskelkraft immer weiter nachlässt, aber der Geist wach bleibt, beschreibt sie so: “Man hat genug Zeit sich daran zu gewöhnen. Ich spüre die Veränderung gar nicht. Nach zehn Jahren merke ich: Das konnte ich mal, jetzt kann ich es nicht mehr.“ Aber Angst mache es schon, zu wissen, dass sie das Wasserglas irgendwann nicht mehr selbst heben kann. Sie schaut ernst, aber nicht ängstlich.

Assistenz heißt Betreuung rund um die Uhr – tagein, tagaus.

„Die Assistenz bedeutet Freiheit für mich“ erklärt sie. Anastasia Umrik ist 24 Jahre jung und sowohl Arbeitgeberin als auch Arbeitnehmerin. Sie war auf einer Schule für Körperbehinderte, auf der Handelsschule und ist Groß- und Außenhandelskauffrau. Bei der Assistenzgenossenschaft hat sie eine halbe Stelle. Frau Umrik benötigt rund um die Uhr Assistenz, das heißt, es muss immer jemand da sein, der ihr hilft. Zum Beispiel, um die Tür zu öffnen. Sie selbst schreibt die Stellen aus, sie teilt die Dienste ein und sie bezahlt die Assistentinnen. Das Geld dafür bekommt sie vom Sozialhilfeträger und der Pflegeversicherung. Dafür darf sie kein höheres Vermögen als 2600 Euro ansparen.

Jeden Tag arbeitet sie zwei bis drei Stunden für ihr Fotoprojekt, an Tagen mit Fotoshootings werden es mehr. Wir sitzen in ihrer modern eingerichteten Wohnung. Es stehen weiße Orchideen im Fenster, auf der dunkelbraunen Couch liegen cremefarbene und türkise Kissen. Es stehen keine Bilder herum. „Die Deko fehlt noch“, sie lächelt: „ich hatte einfach noch keine Zeit dafür.“

„Die üblichen Sachen aus dem Leben“, möchte sie mit Models darstellen, Fragen stellen und provozieren möchte sie auch. „Wie würde die Gesellschaft reagieren, wenn eine Prostituierte im Rollstuhl sitzt?“ Fragt sie und probiert es mit einem Model aus. „Es gibt ja so unbedachte Aussagen, wie ‚an den Rollstuhl gefesselt’, das stellen wir auch mal dar“, erklärt sie.

„Weil ich öfter gehört habe, wie ist das bei Euch im Bett?“ wird es auch Erotik-Shootings geben. „Es kann schön sein, auch wenn der Körper etwas anders aussieht“, erklärt sie. Die Models spricht sie selbst an, sie kommen auf eigene Kosten nach Hamburg.

So verschmitzt Anastasia Umrik auch wirkt, es ist nicht einfach ein nettes Hobbyprojekt. Ernst wird sie beim Thema Sterbehilfe: „Selbst entscheiden, wann man stirbt.“ Sterbehilfe ist in Deutschland verboten, man kann also nur freiwillig aus dem Leben scheiden, wenn man sich genug bewegen kann.

Und wie reagieren nicht Behinderte in im täglichen Leben? Oft „nett und normal“, aber „manche Menschen sind sehr distanziert. Sie haben vielleicht Ängste und reagieren mit Kontaktvermeidung.“

„Im Winter veranstalte ich eine Benefizparty“, das ist Umriks Plan zum Geld sammeln. „Ich bin eine Rampensau“, sagt sie und zwinkert. Überhaupt wirkt Frau Umrik sehr souverän. „Weil Muskelschwund Frauen körperlich schwach sind und sich nicht beim Joggen abreagieren können, sind wir mental stark“, erläutert sie. Überdurchschnittlich viele haben einen hohen Bildungsgrad. „Wir ermüden selten, und wenn geben wir es nicht zu“, sagt sie. Wegen der Ausgrenzung „will man auch zeigen, was man kann.“

Ab Herbst wird sie studieren. Dann gibt sie die halbe Stelle auf und beantragt Bafög. Chefin sein, arbeiten, das Projekt weiterführen und studieren wäre selbst für Anastasia Umrik zu viel.

Text
Sigrun Friederike Priemer
Bansenstraße 2
21075 Hamburg
Telefon 040-98769119
E-mail sigrun.priemer@web.de

Fotos
Cornelius Kalk
Beimoorstraße 11
22081 Hamburg
Telefon 040-3570 6477
E-mail kalk@bewegende-bilder.de
Web http://www.bewegende-bilder.de

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Mutter der 100 Kinderherzen

John F. Kennedy Airport am 10. August 1994 – eine weiße Frau, die bereits die Hälfte ihres bisherigen Lebens in dem afrikanischen Staat verbracht hat, bricht nach einem verheerenden Bürgerkrieg auf – zurück in ihre neue Heimat.

Das Waisenhaus Imbabazi in Gisenyi am Kivu-See im Staate Ruanda.

Nach der Ankunft, zwei Tage später findet sie ein völlig verändertes Land vor. Die Gesichter, die ihr so vertraut waren, kommen ihr auf einmal vor wie Fremde. Viele der Häuser sind zerstört, die Straßen wimmeln von Schlaglöchern, die Fahrt vom Flughafen zu ihrem 180 km entfernten Wohnsitz ist verhältnismäßig lang, beschwerlich und wird durch Autos der amerikanischen Botschaft begleitet. Angekommen bietet das Haus nur ein Bild der totalen Zerstörung. Fast jede Glasscheibe ist zerstört und auf den intakten Fenstern befinden sich Unmengen von Farbe. Im Inneren ist kaum noch etwas von den privaten Dingen vorhanden, die der Amerikanerin einmal so wichtig waren: Familiensilber, Porzellan, Teppiche, Vorhänge, Fotos und Tagebücher. Angesichts der sinnlosen Verwüstung erlebt die Frau eine der größten Enttäuschungen in ihrem Leben.

Der engste Vertraute Sembagare von Rosamund Carr im Alter von 65 Jahren.

Sie kehrte in ein Land zurück, in dem fast nichts mehr funktionierte. Es gab weder Banken, noch Schulen, schon gar keine Fabriken. Geld war nicht mehr im Umlauf, das Stromnetz zusammengebrochen, von Telefon ganz zu schweigen. Fast jeder der Bevölkerung hatte alles verloren, was er oder sie jemals besessen hatte.
Dieses Land hatte seine Unschuld verloren, es strotzt von Brutalität und blankem Hass und dennoch beschließt eine 82-jährige alte Dame, mit der Hilfe ihres 54-jährigen einheimischen Dieners und Chauffeurs Sembagare, den Wiederaufbau für sich und für Kinder, die im Laufe des Genozids 1994 in Ruanda ihre Eltern verloren haben.

Zum Mittagessen gibt es die leckeren einheimischen Bananen, die morgens frisch angeliefert werden.

Rosamund Carr – Besitzerin einer Plantage in Mugungo und eines Waisenhauses in Gisenyi – ist inwzischen 93 Jahre alt und hat immer noch Pläne. Ihr treuester Angestellter Sembagare, der diesem Völkermord glücklich entkommen ist, blickt streng aber mit einer gehörigen Portion Stolz auf seine kleinen Schäfchen hinab, die sich mit den alltäglichen Dingen des Lebens beschäftigen.

Aus einem Klassenzimmer dröhnt an diesem sonnigen Samstagmorgen afrikanische Musik aus den knarrenden Lautsprechern. Zwei Kinder spielen im Hof ein Hüpfspiel, das ein hohes Maß an Geschicklichkeit erfordert. Die Wäsche der hauseigenen Fußballmannschaft hängt zum Trocknen auf der Leine, hinter dem Mädchentrakt überwacht der Chefkoch die Zubereitung der Mittagsmahlzeit. Es gibt Reis und Rindfleisch, als Nachtisch zwei kleine Bananen.

Bei den täglichen Aufgaben packen alle mit an. Die größeren bereiten das Mittagessen vor und decken den Tisch.

Eine Frau mit einer riesigen Schüssel Bananen auf dem Kopf kommt vorbei und verkauft einen ganzen Schwung als Nachtisch zum Essen. Der Doktor erscheint mit seinem Assistenten zur Visite, untersucht und stellt bei einigen der Kinder die Grippe fest.

Während die Angestellten schon auf ihren Lohn warten, wird Madame Carr, wie die weiße Plantagenbesitzerin in der Gegend ehrfürchtig genannt wird, von einem der Lehrer vorgefahren. Es habe bei der Bank Probleme mit dem Umtausch gegeben, erklärt die Amerikanerin in fließendem Suaheli ihren Angestellten. Sie müssten sich bis zum Dienstag gedulden.

Die Küche ist nicht unbedingt mit einem europäischen Standard vergleichbar, erfüllt aber durchaus ihren Zweck.

Dann geht es ans Auspacken von zwei neuen Lieferungen mit Kleidung. Als erstes sind die Mädchen dran. Geduldig warten sie in einer Schlange auf den großen Moment, bis Rosamund Carr zusammen mit Sembagare alle Kleidungsstücke zur Ansicht auf den beiden Gästebetten ausgebreitet hat. Zur Anprobe werden die Mädchen auf die Toilette geschickt. Sie ziehen sich dort um und führen ihre neuesten Errungenschaften vor. Innerhalb von kürzester Zeit sind alle Kleider verteilt, nur eine riesige orangefarbene Unterhose bleibt liegen.

Als nächstes wird die Korrespondenz erledigt, bevor schon die nächsten drei Mädchen vor der Tür stehen. Sie haben aus Wollresten große wärmende Decken gehäkelt. Als ehemalige Modezeichnerin versteht die alte Dame viel von Farbkombinationen und ist schier begeistert von dem handwerklichen Geschick der Teenager. Jede der Decken erhält so nach der Begutachtung einen Preis, für den sich die Handarbeiten gut verkaufen lassen – umgerechnet für etwa 10 Euro. Die Hälfte vom Erlös erhält dann das Waisenhaus, die zweite Hälfte die Herstellerin der Decke.

Der 8-jŠährige Issa blickt hoffnungsvoll in die Zukunft ohne die ehemaligen Auseinandersetzungen zwischen den Hutus und Tutsie.

Im Hinterhof laufen derweilen die Vorbereitungen zum Mittagessen auf Hochtouren. Das größte Kochfeld befindet sich auf einem großen Steinofen, auf dem lange Holzscheite vor sich hin brennen. Der dichte dicke Qualm steigt auf, zur oberen Hälfte des Raumes, wodurch das Atmen dort unmöglich ist. Das Essen, Reis mit schmackhaftem Rindfleisch, das in einer Gemeinschaftsaktion von den Köchen und den größeren Kindern im Speisesaal auf bunten Tellern serviert wird. Ungeduldig lauern die kleineren Kinder schon vor der Tür des Speiseraums. Besteck gibt es nur für immer gern gesehene Gäste, gegessen wird sonst ganz traditionell mit den Fingern. Und nach dem Essen geht es sofort wieder zum Spielen auf den Hof hinaus.

Die 13-jŠährige Waisin Uzamukunda Gaudence.

“Für die erwachsenen Lehrer und die weiteren Helfer ist es dagegen bald wieder Zeit zum Umzug“, erklärt das 13-jährige Mädchen Uzamukunda, das zusammen mit ihrem Bruder in dem Waisenhaus lebt. Der Transport von Kindern und Möbeln muss organisiert werden. Schon am 8. November kehren die knapp 100 Kinder unmittelbar zum Wohnsitz der Grand Old Dame in das 20 km entfernte Mugongo zurück. Dort auf einer Höhe von 2500 m über dem Meeresspiegel hält die Modezeichnerin die Fäden eng in der Hand und wird sich bestimmt noch eine ganze Weile ihrer Kinder erfreuen.

Text und Fotos: Cornelius Kalk

Rosamund Carr verstarb am 29.09.2006 in Ruanda im Alter von 94 Jahren. Die New York Sun veröffentlichte einen Nachruf am 06.10.2006 mit der Verwendung eines der letzten Aufnahmen von mir.

Rosamund Carr, Leiterin des Waisenhauses Imbabazi in Ruanda im Alter von 93 Jahren. Sie verbrachte über 50 Jahre in der Grenzregion zwischen dem Kongo und Ruanda und diente auch Diane Fossey als Freundin und Basis für ihre Erforschung der Berggorrillas.

Hundert Jahre Leben

Neugeborene, die in diesem Jahrtausend zur Welt kommen, haben eine fünfzigprozentige Chance 100 Jahre alt zu werden. Einhundert Jahre. Wie ist das, wenn man so alt wird? Und welche Rolle spielt all das, was landläufig wichtig erscheint, wirklich?

Dorf in der Bergregion Sardiniens

Ein Geheimnis des Alters beheimatet Sardinien, jener Insel im westlichen Mittelmeer, auf der sich an der Costa Smeralda im Sommer der internationale Jet-Set die Klinken in die Hände drückt.

1.800 Kilometer beeindruckender Küste umfassen eine Vielzahl von Landschaften –abwechselnd flache Dünen bis hin zu steil aufragenden Gebirgsmassiven. Das Meerwasser leuchtet manchmal azurblau, manchmal türkis, hier und da auch ultramarin.

Auf jeden Einwohner Sardiniens kommen etwa zwei Schafe. Das wichtigste Exportgut ist neben dem aus der Milch hergestellten Pecorino-Käse auch die Korkrinde, die überwiegend auf dem italienischen Festland verbraucht wird. Mitten im Herzen der Insel befindet sich eine Region, die trotz zahlreicher  Eroberungsversuche, noch bis heute in einheimischer Hand ist.

Diese Gebirgsregion birgt ein kleines Geheimnis des Altwerdens, auf dessen Spur sich zahlreiche Wissenschaftler in aller Welt begeben haben.

Auf Sardinien leben – geburtsurkundlich belegt –weltweit die meisten Menschen gemessen an der Gesamtbevölkerung, die ein vollständiges Jahrhundert erlebten. Grund genug, um die Lebensweise dieser Menschen näher zu betrachten.

Nehmen wir Guiseppina. Friedlich und versunken sitzt sie in Ihrem Korbsessel, die Hände im Schoß gefaltet.

Giuseppinas Lieblingsplatz direkt am Kamin


Trotz bereits frühlingshafter 20° C Außentemperatur trägt Guiseppina dicke Wollsocken gegen die Kälte, die durch die Fliesen in ihren Körper drängt. Neben ihr im Kamin ein kleines Feuer, das sie wärmt. Ein Kopftuch, das Sardinnen seit ewigen Zeiten tragen, bedeckt das dürre Haar, aus dem Kinn wachsen zwei Bartansätze. Die Augen blicken fahl in die Gegend und die Unterhaltung, wenn möglich, ist laut und sardisch. Dieser Dialekt stirbt nur bei denen aus, denen Sardinien nichts bedeutet. Und das sind nur wenige Sarden. Vielleicht ist es bezeichnend, daß er näher am Lateinischen als am Italienischen ist: Mit seiner urigen, gewachsenen Kultur lebt es sich für den Sarden immer noch am besten.

Gefaltete HäŠnde einer 100-jährigen Sardin

So dämmert Guiseppina ruhig und dankbar vor sich hin, nebenbei schaut die kleine Tochter des Nachbarn ein wenig fern. Ab und an nimmt sie die weichen alten Hände in die ihre und gibt ein wenig von ihrer Jugend. Fünf und hundert Jahre durchströmen diesen Raum, hinterlassen unmerklich und wie selbstverständlich eine Atmosphäre des Staunens.

Guiseppina wurde am 29.11.1903 geboren. Sie hat die Insel nie verlassen, ist Zeit ihres Arbeitslebens an jedem Morgen und jedem Abend zehn Kilometer zu ihrer Pflicht gewandert. Holz schleppen, Weinreben pflegen, Oliven ernten, Tiere versorgen, Felder bestellen, Schafe hüten. Nicht zuletzt kümmerte sie sich um sechs Kinder und einen Ehemann. Ihre Ernährung war oft einseitig. Von wegen täglicher Genuß von Olivenöl hält einen jung: Dafür war meist kein Geld vorhanden. Als Ersatz diente einfaches Schweineschmalz. Das genügte. Der Körper verbrannte dank harter Arbeit alles. Probleme mit hohen Cholesterinwerten? Unbekannt. Ärzte wurden im Notfall aufgesucht. Guiseppina begab sich nur zweimal in ihrem über hundert Jahre alten Leben in medizinische Obhut. Sie hat zweimal Arzneien zu sich genommen. Zweimal. In 100 Jahren. In Deutschland ergäbe das eine Lebenspraxisgebühr von 20 Euro.

Stadteuropäische Selbstverständlichkeiten: Altersheime oder Hospize sind den Sarden im Inneren unbekannt. Kinder schlossen mit ihren Eltern einen Generationenvertrag, der nicht in Frage gestellt wird. Eltern bleiben einfach bei ihren Kindern wohnen und werden von ihnen versorgt und gepflegt. Guiseppina wohnt bei ihrer Tochter, die sie im besten Frauenalter zur Welt gebracht hat.

Giuseppe im Innenhof bei der Familie

Guiseppe aus demselben Ort, im hundersten Jahr angelangt, hat fünf Kindern das Leben geschenkt. Eines davon hat vielleicht sein Leben gerettet. Denn, geboren im Oktober 1905, mußte Guiseppe Sardinien verlassen und zog ins ferne Triest zum Militär. Er wurde eingezogen, verbrachte sechs Monate in der Ausbildung und war der Brigata Sarda, einem sicheren Selbstmordkommando, zugeteilt. Da ereilte ihn die frohe Kunde aus dem für ihn so fernen Sardinien. Sein viertes Kind war geboren und vier Kinder bedeutet sofortige Freistellung vom Militär. Familienförderung der Italiener – ganz im Sinne der Sarden!

Eines seiner Kinder ist vergleichsweise jung im Alter von 72 verstorben. Guiseppe hat einen Bruder, der mittlerweile 95 Jahre alt ist und seine jüngere Schwester ist gerade mal 90 Jahre alt.

Schon als kleines Kind liebte Guiseppe Schafe. Sie waren sein Leben, sie begleiteten seinen Weg, insgesamt 69 Jahre lang. Blökend, wenn er sie die Straßen entlang lenkte, auf der täglichen Reise ihr Futter findend.

Mit 77 Jahren setzte Guiseppe sich zur Ruhe, seinen Schäferstock gibt er jedoch bis heute aber nicht aus der Hand. Er hält ihn fest umschlungen in einer weich gewordenen, braun gebrannten Hand.

Stolz gehaltener SchäŠferstock


Die Haut schimmert wie Perlmutt, draußen im Schatten des Innenhofes. Als hätte er sich für die Fotos fein gemacht, trägt er ein weißes Hemd, darüber einen blauen Pullover mit V-Ausschnitt, ländlich rustikal dazu ein Jackett aus braunem Cord. Sein schlohweißes Haar schaut unter der Mütze hervor. Die tief stehende Abendsonne verklärt den Anblick bis zur Unglaublichkeit.

Verschmitzt blickt er uns an. So, als habe er es nicht nur früher faustdick hinter den Ohren gehabt. Hat auch sein Gehör nachgelassen, blicken seine Augen noch immer lebhaft in die Bergluft. Auch sein Lieblingsplatz im Haus befindet sich neben einem kleinen Feuer am hauseigenen Kamin. Ein kleines Feuer wärmt den Jahrhundertmann, der schlicht und zufrieden, dankbar und von all dem Leben angefüllt, bei seinem Sohn wohnt. Todsterbenskrank war er, berichtet sein Sohn. Die Ärzte hatten ihn schon fast aufgegeben. Aber wozu ihn dann im Krankenhaus lassen? Welchen Sinn macht das Sterben, wenn seine Familie ihn doch gut versorgen kann? Eine Art Wunder geschah: Innerhalb von zwei Jahren erholte sich der Vater.

Und am Ende lernt man das Wichtige doch von den Jungen: Guiseppes Sohn rühmt die Kombination aus dem Rückhalt in der Familie, ehrlicher Arbeit und einer soliden, kraftgebenden Ernährung. Wenn die Familie als Wunderheilerin dient, die sogar tödliche Krankheiten besiegt, was wünschen wir uns?

Hundertjährig in der Sonne sitzen, wissen um das Gewesene und gelassen wartend auf das Kommende.

© Text und Fotos – Cornelius Kalk