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In der Warteschleife – Teil 6

Kunst als Ein-Euro-Job?

Nur, wenn es anders nicht geht.

Drei etwas andere Künstlerportraits.

17 Quadratmeter, selbst gestrichen

Wer auf der Veddel schon einmal durch den S-Bahntunnel gegangen ist, der kennt Originale von Martin Götze. Dort hat die KOM von 2009 bis 2010 ein Walldesign-Projekt durchgeführt. Er war einer der Maler. Das erfahren wir, als wir ihn zu Hause besuchen. „Möchten Sie Pfefferminztee oder Kräutertee?“ fragt er.

Wir setzen uns. „Größer wird es nicht“, sagt Herr Götze. Siebzehn Quadratmeter ist seine Wohnung klein. „Aber das Bad und die Küche haben Fenster, weil die Wohnung am Rand liegt“, erklärt er. In eine größere Wohnung umziehen kann er nicht, so lange er von Hartz IV lebt. Theoretisch könnte er maximal 45 Quadratmeter bewohnen. Parktisch sitzen wir auf seiner Schlafcouch vor dem Hocker, der als Tisch dient. Einen Schreibtisch mit Fernseher hat er in der Ecke stehen und einen gepolsterten Bürostuhl. Die Wände sind hellgrün mit einem Streifen in Apricot, der den Raum auf etwa auf einem Drittel Höhe einrahmt, gehalten. Ohnehin ist es sauber und ordentlich.

Eine Wohnung mit 17 Quadratmetern Fläche stimmen uns nachdenklich, aber es geht.

Eine Wohnung mit 17 Quadratmetern Fläche stimmen uns nachdenklich, aber es geht.

„Es ist ein Hobby, du musst ja nicht davon leben“ habe ein Schlossermeister zu ihm gesagt, als es um den Preis seiner Bilder ging. „Die Leute wollen nur die Materialkosten zahlen“, erzählt Herr Götze. Er würde gern davon leben können. Das Bild mit der Moritz stand drei Wochen in einem Buchladen im Schaufenster und die Kunden haben nach dem Preis gefragt. 300 Euro waren zu teuer, nun steht es an die Wand gelehnt in seiner Wohnung. Eineinhalb Monate habe er daran gemalt. „Das sind 50 Cent die Stunde, wenn man das mal umrechnet“, sagt er. „Vielleicht werde ich entdeckt“ fügt er mit einem Augenzwinkern hinzu. Herr Götze macht Fotos, die er dann als Vorlage nimmt. Für die Bilder im Veddel-Tunnel waren es 700, von denen er 300 als Vorlagen ausgewählt hat. „Für das Schilf habe ich Gras fotografiert. Ich bin ganz nah ran gegangen“ erklärt er und zeigt eine Postkarte mit seinem Motiv. „Ich habe gesehen, wie eine Möwe einer Ente das Brötchen aus dem Schnabel geklaut hat“, erzählt er. Den „Überfall aus der Luft“ habe er nicht fotografieren können. Die Kamera habe zu langsam ausgelöst.

Aufgeben, gehört nicht zu seinem Charakter, das zollt uns Respekt.

Aufgeben, gehört nicht zu seinem Charakter, das zollt uns Respekt.

Das riesige Bild mit den beiden Engeln liegt zusammengerollt im Schrank. Herr Götze malt gern großformatig. „Wie groß kann man malen?“, das habe er probiert, erzählt er. Drei Wochen hat er gebraucht. „Das ist einfach, man hat ja nur große Flächen“, sagt er. Einen Haken gibt es doch, gibt er zu: „Man muss aufpassen, dass man die Perspektive nicht verhaut.“

Martin Götze wird ein Vorstellungsgespräch bei einer Verleihfirma haben. Wäsche für eine bekannte Modemarke sortieren, in Moorfleet. Er erklärt: „Die kennen mich ja schon, da kann ich es doch noch mal probieren.“

Drei Meinungen über die Arbeitslosigkeit

Während der Gespräche mit den Künstlern habe ich nicht das Gefühl, mit Arbeitslosen zu sprechen. Ich spreche mit drei sehr beschäftigten Menschen, die eine Meinung zur Arbeitslosigkeit haben, die aktiv durchs Leben gehen und ich spreche mit Menschen, die malen. Die sich einbringen möchten, die auf sich aufpassen und zur Gesellschaft etwas beitragen möchten. Sie warten aktiv auf ihre nächste Chance.

Ende

© Text Sigrun Friederike Priemer | © Fotos Cornelius Kalk

In der Warteschleife – Teil 5

Kunst als Ein-Euro-Job?

Nur, wenn es anders nicht geht.

Drei etwas andere Künstlerportraits.

Zwei Katzen und „die Maler“

Grün ist die Nachbarschaft von Martina M. Sie wohnt in einer Wohngemeinschaft mit ihrem Mitbewohner und zwei Katzen. Die helle Küche ist gemütlich. „Die Katzen dürfen viel bei uns“, erläutert sie. Säckchen und Lenny schauen sich den Besuch genau an. „Die Tiere sind psychisch wichtig für mich“ erklärt sie. Obwohl die Katzen tatsächlich ungestört auf den Tisch dürfen, wirkt das nicht unangenehm.

Martina M. mit ihrem ausgezeichneten Bild, das ihre Erfahrungen mit Hartz IV darstellt in ihrer eigenen, die sie mit zwei Katzen teilt.

Die Wände sind mit eigenen Bildern dekoriert. Besonders gern schaut M. aus dem Küchenfenster. Sie wohnt im obersten Stockwerk und hat einen unverstellten Blick auf den Himmel über dem großen Innenhof. Martina M. zeigt ihre Skizzenbücher. „Ich male assoziativ“ erklärt sie. In der KOM hatte sie an einem Kochbuch mitgearbeitet. Laut Richnow, war sie diejenige, die die Gruppe motiviert hat und sehr viel beigetragen hat. Zum Thema Kochen und Kochbuch fallen ihr gleich mehre Beispiele ein: „Die Wut kocht hoch“, „Hunger und seelischer Hunger“, „ohne Essen würden wir nicht leben“. Sie sagt auch: „Ich mache etwas, das nicht nachgefragt wird.“

An der U-Bahn-Station Saarlandstraße kann der aufmerksame Beobachter die Künsterlin mit ihrem Skizzenbuch treffen. In jeder Minute Wartezeit entstehen neue Ideen und Gedanken, die sogleich im Buch festgehalten werden.

An der U-Bahn-Station Saarlandstraße kann der aufmerksame Beobachter die Künsterlin mit ihrem Skizzenbuch treffen. In jeder Minute Wartezeit entstehen neue Ideen und Gedanken, die sogleich im Buch festgehalten werden.

Martina M. hatte beim ersten Treffen davon erzählt, dass sie in der U-Bahn in ihr Skizzenbuch male. Wir fahren mit ihr die Strecke von der Saarlandstraße bis zu den Landungsbrücken. Alle sind sich einig, dass es die schönste U-Bahnstrecke Hamburgs ist, weil die Bahn hier überirdisch fährt. Die Sonne scheint. Martina M. setzt sich auf die Holzbank in der Station und macht uns vor, wie sie malt. Drei Minuten später steigen wir ein und setzen uns. Sie schaut sich um, und schlägt das Buch auf, der Fotograph knipst und ich schaue zu. Hinter ihr sitzt ein Pärchen, das uns beobachtet und versucht freundlich zu schauen, falls es mit auf das Foto kommt. „Es ist schwierig, zu schweigen, mit Leuten, die man gar nicht so gut kennt“, kommentiert sie die ungewöhnliche Situation. Es bleibt nicht beim Schweigen. „Bitte schreiben Sie, dass ich Irene Velthuis dankbar bin. Sie hat mich wieder ans Malen herangeführt“, sagt sie. Vor zehn Jahren in der Malschule habe sie begonnen ihren Weg zu gehen. Sie erläutert wie sie sich inspirieren lässt. Sie sehe Werbeanzeigen, komische Mäntel oder Gesichtsausdrücke von anderen Fahrgästen und dann malt sie. Einfach so, ein Gesicht, einen Bogen darum.

Die Inspiration kommt von überall her.

Martina M. selbst hat sich der Gruppe „Die Maler“ angeschlossen. Die nächste Ausstellung wird geplant. Wie in der KOM auch, schätze sie den Austausch. „Eingebunden sein, das Soziale, das tut gut“, findet sie.

Teil 6 folgt…

© Text Sigrun Friederike Priemer | © Fotos Cornelius Kalk