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2012 im Rückblick

Mein eigener Blog im Rückblick auf das Jahr 2012. Auf viele neue bewegende Bilder und die Geschichten dazu im Jahre 2013. Ich freue mich auf regen Austausch mit meinen Lesern, interessante Menschen und vor allen Dingen tolle neue Perspektiven.

Die WordPress.com-Statistik-Elfen fertigten einen Jahresbericht dieses Blogs für das Jahr 2012 an.

Hier ist ein Auszug:

600 Personen haben 2012 den Gipfel des Mount Everest erreicht. Dieser Blog hat 2012 über 4.400 Aufrufe bekommen. Hätte jede Person, die den Gipfel des Mount Everest erreicht hat, diesen Blog aufgerufen, würde es 7 Jahre dauern, um so viele Aufrufe zu erhalten.

Klicke hier um den vollständigen Bericht zu sehen.

Für die Sache

Bei Helmuth Sturmhoebel steht man sofort im Esszimmer, wenn er die Tür öffnet. „Es ist der Verkaufsraum eines alten Milchladens“, erklärt er. Das Haus im ehemaligen Sande hat Geschichte. Helmuth Sturmhoebel macht Geschichte. Das klingt abgehoben, stimmt aber. Das liegt wahrscheinlich daran, dass er lieber anpackt, als dass er debattiert. Damit, dass er nicht „nein“ sagen kann, hat es sicher auch zu tun.

Helmuth Sturmhoebel – Oberstudienrat – Deutscher in 3. Generation, aber seine Familie kam selbst aus dem Memelland nach Bergedorf. Auch dabei findet eine Art Integration und Vermischung der Kulturen statt, wobei mindestens eine einheitliche Sprache bei allen als Basis der Kommunikation vorhanden ist.

Helmuth Sturmhoebel ist Sonderschullehrer an der Lohbrügger Grundschule Max-Eichholz-Ring, einer der beiden ersten Schulen in Hamburg, die eine Integrationsklasse hatten.

Mit seiner Frau Elke, die Reisejournalistin ist, reist er durch die Welt. „Der Horizont weitet sich“, sagt Sturmhoebel über seine Reisen. Ein Beispiel: „Mali ist laut Weltbank  eines der ärmsten Länder. Slums und hungernde Menschen gibt es dort trotzdem nicht.“ Seinen Horizont erweitert hat Sturmhoebel schon als Schüler. Bevor er ein Jahr als Austauschschüler in den USA war, engagierte er sich in der evangelischen Gemeinde als Jugendleiter. Nahe der mexikanischen Grenze in Imperial Beach hat er unterschiedliche christliche Gruppen kennengelernt und deren Kirchen fotografiert. Wieder in Deutschland entschied er sich gegen die Religion. Im Studium übernahm er dann 1978 zum ersten Mal einen Jugendweihekurs in Bergedorf. „Es geht darum, Verantwortungsethik zu vermitteln“, erläutert er. Da in Helmuth Sturmhoebel auch ein Forschergeist schlummert, beteiligte er sich an einem Buch über die Historie der Jugendweihe. Im Augenblick erforscht er seine Familiengeschichte und die Verbindung eines seiner Verwandten zu Edvard Munch.

1973 trat Sturmhoebel den Jusos bei und nach dem Nato-Doppelbeschluss wieder aus. Heute sitzt Sturmhoebel als Parteiloser für die Linke im Stadtteilbeirat Lohbrügge. Er kandidierte weit hinten auf der Liste der Linken. Das neue Wahlrecht brachte ihn weit nach vorn auf der Liste, aber nicht in die Bezirksversammlung. In der Bezirksfraktion der GAL war Sturmhoebel auch als parteiloses Mitglied mehrmals vertreten. Der Kossovoeinsatz der Bundeswehr, beschlossen von SPD und Grünen auf Bundesebene, verursachten die Abspaltung der Regenbogenfraktion, zu der Sturmhoebel für seine verbliebene Amtszeit zählte. Bei den Friedensdemos in Bonn, war er dabei und kurze Zeit DKP-Mitglied. „Parteidiskussionen sind nichts für mich“, sagt er und: „Ich engagiere mich lieber für die Sache und suche mir Bündnispartner.“

Zum Beispiel im Vorstand und als Mitarbeiter für den 1988 gegründeten ZornRot e.V., der Frauen, Männern und Kindern Beratung bei sexualisierter Gewalt anbietet. Beim Deutschen Freidenker Verband war er Vorsitzender im Landesverband Hamburg/Schleswig-Holstein und im Bundesvorstand, seit 34 Jahren engagiert er sich bei der AWO. Er ist Kassenwart und betreut die Mitgliederverwaltung im Kreis Bergedorf. „Ich konnte wieder nicht nein sagen, als mein Vorgänger krank wurde“, erläutert er.

Die Geschichte der Integration seiner eigenen Familie ist bei Helmuth Sturmhoebel immer präsent, denn sie ist ihm wichtig. Genauso wie er lieber ein ordentliches Buch liest, statt sich vorm Fernsehen zu setzen.

Der große, aufrechte Mann mit dem grauen Haar ist immer konkret. Sprüche wie „Integration ist keine Einbahnstraße“, gehören nicht in sein Repertoire. „Integration beginnt, wenn der Mensch da ist“, sagt er. Das heißt für ihn: „Sprachkurse für Eltern sind wichtig. Wenn die Menschen hier ankommen wollen, dann lernen sie die Sprache.“

Fragt man nach seiner Einschätzung zur Entwicklung des Stadtteils, bringt er diese sofort in den Zusammenhang mit den neuesten Sparvorhaben des Senats. „Wir brauchen mehr Geld für die Jugendarbeit, nicht weniger“, sagt er und: „Jugendliche bewegen sich in einem Umkreis von 500 Metern um ihr Elternhaus, deswegen muss die Jugendarbeit vor Ort stattfinden.“ Für Senioren gelte Ähnliches.

Um 1890 ist seine Familie aus dem Memelland nach Hamburg gekommen. Er ist in Bergedorf aufgewachsen und geblieben. Zur selben Zeit wurde das Haus in Lohbrügge, indem er lebt und in dem sein Sohn Hanno aufgewachsen ist, erbaut.

Helmuth Sturmhoebel hat direkt nach dem Abitur seine Frau geheiratet. Glücklich verheiratet sind sie nach fast 37 Jahren immer noch. „Wir gehen jeden Mittwoch in die LOLA tanzen“, erzählt er. Es versteht sich von selbst, dass Sturmhoebel an der Gründung des LOLA Kulturzentrum e.V. nicht ganz unbeteiligt war.

„Die Stunde vor elf ist mir heilig“, sagt Sturmhoebel. Zur Ruhe kommen vorm Schlafen sei wichtig. Zur Ruhe kommen er und seine Frau im Wohnzimmer beim Lesen.

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Sigrun Friederike Priemer
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Cornelius Kalk
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Schreiben und Knipsen

Der Fotograf Cornelius Kalk und die Journalistin Sigrun Friederike Priemer portraitieren Lohbrügges kulturelle Vielfalt. Bis zu zwölf Menschen mit unterschiedlicher Herkunft werden sie treffen und erfahren, wie sie hier leben.

Sigrun Priemer – Journalistin und Autorin

Sigrun Friederike Priemer (sfp): Herr Kalk, wie sind Sie eigentlich auf die Idee gekommen, zwölf Menschen mit Migrationshintergrund aus Lohbrügge zu portraitieren?

Cornelius Kalk (ck): Ich möchte wissen, was die Menschen bewegt und wie sie ihre Kultur hier leben. Der Austausch zwischen Menschen interessiert mich. Es werden aber nur elf Menschen mit Migrationshintergrund, weil Sie vorgeschlagen haben einen alt eingesessenen Lohbrügger zu interviewen. Warum wollten Sie das?

Sfp: Kultureller Austausch funktioniert nur, wenn alle beim Austauschen mitmachen dürfen. Zur Kulturellen Vielfalt zählt auch die einheimische Kultur, das wird bei der Integrationsdebatte oft vergessen. Miteinander heißt miteinander und nicht die Anderen unter sich.

Worauf achten Sie besonders beim Fotografieren?

Cornelius Kalk – Fotograf und Bildjournalist

Ck: Ich möchte die Menschen zeigen, wie sie leben. Wo sie sich engagieren. Jetzt wird es technisch: Ich achte auf die unterschiedlichen Ebenen. Durch das Weitwinkelobjektiv, das ich gerne beim Fotografieren verwende, verschmelze ich drei Ebenen zu einem Foto. Was ist Ihnen bei den Texten wichtig?

Sfp: Achtung und Respekt. Es geht nicht um die zur Schau Stellung der Personen. Es geht um ihr Leben, ihr Engagement und darum, was die Menschen mit ihrem Wohnort verbindet. Was sie mitgebracht haben und was sie an ihrem Leben in Bergedorf schätzen. Zurück zu den Ebenen: Welche sind das?

Ck: Es geht bei dem Ebenen um die Person, wofür sie steht, wie das Umfeld, die Familie, das Engagement – das möchte ich in einem Bild einfangen. Das Weitwinkel nutze ich, um den Bezug herzustellen.

Es ist übrigens gar nicht so einfach, Teilnehmer zu finden.

Sfp: Das stimmt. Aber spannend ist es. Auf diese Weise haben wir beispielsweise die Moschee in Bergedorf kennengelernt. Ich habe bei einem Schneider gefrühstückt. Man telefoniert mit vielen Menschen und trifft dann die Teilnehmer. Nicht jeder möchte mit Foto in der Zeitung erscheinen.

Aber alle sind hilfsbereit.

Ck: Es ist sehr inspirierend, mich mit den unterschiedlichen Menschen und ihrer Kultur zu beschäftigen. Ich bin neugierig, wen wir noch kennenlernen. Es ist erstaunlich, wie offen die Menschen zu uns sind und wie unterschiedlich ihre Geschichten sind.

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„Integration beginnt im Kopf“

Kreativität ist Olga Diewolds Thema. Sie hat darüber in Moskau promoviert. „In Russland war das Thema ungewöhnlich“ erzählt die promovierte Pädagogin. In Russland musste Olga Diewold ihre deutschen Wurzeln verstecken. In der Öffentlichkeit sprach sie kein Deutsch, ihr Mädchenname Olga Christ war auffällig. In Deutschland musste sie die deutsche Sprache neu erlernen, weil das Deutsch der Russlanddeutschen sich vom modernen Hochdeutsch unterscheidet.

Dr. Olga Diewold aus Rußland als Ruhepool im Haifischbecken der Kommunikation zwischen Eltern und Schülern.

Frau Diewold hat sich nach der Wende entschieden nach Deutschland auszuwandern, während sie am ihrer Promotion arbeitete: „Ich habe mich nicht getraut, das zu an der Bildungsakademie zu erzählen, weil ich Nachteile befürchtet habe.“ Der Weg von der Bildungsakademie in Moskau an die Adolf-Diesterweg-Schule war lang. Selbstbestimmtheit war dem russischen Erziehungssystem unbekannt. Es zählten Gehorsam und Perfektion. „Ich habe mich geschämt, weil ich nicht alles verstanden habe“, sagt Frau Diewold über ihre ersten Gehversuche in Hamburg. „Ängste sind normal auch von Einheimischen gegenüber Ausländern“, findet sie. „Integration fängt im Kopf an“ sagt Frau Diewold und erklärt: „Man braucht eine positive Einstellung: Ich bleiche hier und ich will hier etwas erreichen.“

Etwas erreicht hat sie: Ihren Traumjob. Olga Diewold ist Kulturvermittlerin in Neuallermöhe. „Ich möchte Brücken bauen zwischen der Schule und dem Elternhaus“, beschreibt sie ihre Tätigkeit. Die Erwartungen von Eltern aus dem russischsprachigen Raum an die Lehrer und die Schule sind oft nicht vereinbar mit den deutschen Schulalltag. Sowohl Eltern als auch Lehrer können sich an Frau Diewold wenden. Sie ist in beiden Kulturen zu Hause, kann beide Sprachen fließend und kann so beiden Seiten helfen.

Auf die Frage, ob für sie Integration mit der Sprache oder der Kommunikation im allgemeinen anfänge, antwortet Frau Diewold, für sie begänne eine gut funktionierende Integration bereits im Kopf.

Anfangs hat Olga Diewold ehrenamtlich vermittelt, später auf Honorarbasis. „Können Sie schreiben, dass die Jutta Dittmar sich sehr für den Stadtteil eingesetzt hat?“ fragt sie. Jutta Dittmar, die ehemalige Schulleiterin, hat der Schulbehörde eine feste unbefristete Stelle für eine Fachfrau aus dem Kreuz geleiert. Eine Fachfrau, die glücklich mit ihrem Job ist. Erziehungsberatung bietet sie im Elterncafé an, dann gibt es das Projekt Family Literacy (FLY). Bei FLY lernen Eltern mit ihren Kindern Deutsch. Bei allem, was sie erzählt, strahlt die Frau mit den großen blauen Augen eine mitreißende Begeisterung aus, dass man sich am liebsten selbst von ihr beraten ließe. Überzeugen konnte Familiy Literacy auch andere: 2010 erhielt es den King-Sejong-Alphabetisierungspreis der UNESCO und 2011 den Hamburger Bildungspreis der Hamburger Sparkasse.

Sie sagt: „Ich liebe Kinder“. Sobald Olga Diewold in der Pausenhalle steht, sieht man, dass die Kinder auch sie lieben. Sofort wird sie umarmt.

„In Lohbrügge lebe ich privat, ich fühle mich in Bergedorf zu Hause“, sagt sie. Sie lebt mit ihrem Sohn und ihrer Tochter in Lohbrügge. Ihre Tochter ist START-Stupendiatin. „Ich bin beeindruckt, wenn ich sehe, wie sie Verantwortung übernimmt“, staunt Olga Diewold.

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Die stille Villa

Marisa Reyero de Starke wohnt und arbeitet in einer roten Backsteinvilla. „Heute leben hier drei Generationen und wir haben viel Besuch“, erzählt sie. Das Ehepaar mit vier Kindern ist 1989 in die Villa in Lohbrügge gezogen und hat das Haus mit viel Liebe renoviert.

Marisa Reyero de Starke aus Spanien

Frau Reyero de Starke lebt seit 48 Jahren in Deutschland. Länger als das halbe Leben. 1970 haben sie und ihr Mann geheiratet, seit 1980 ist sie deutsche Staatsbürgerin. „Mir wurde immer gleich geholfen“, sagt sie, wenn man nach ihren Erfahrungen mit der Einwanderung fragt.

Sie sitzt vor dem Gartenfenster auf der Fensterbank. Der Lieblingsplatz der Enkelkinder. Marisa Reyero de Starke singt im Chor der Erlöser- und der Gandenkirche. „Dadurch habe ich sofort Zugang zu den Menschen gefunden“, erzählt sie. In den ehemaligen Kinderzimmern hat das Ehepaar Starke ihre Heilpraktikerpraxis und seine Logopädiepraxis eingerichtet. Im Wartezimmer zeigt sie uns ihre kleine Märchenbühne. Ihren Kindern, in der Gemeinde und bei Kindergeburtstagen hat sie damit Märchen erzählt. Grimmsche Märchen. Die Märchenbühne ist selbst gebaut und hinten befindet sich eine Rolle mit Märchenbildern.

Der Lieblingsplatz der Heilpraktikerin ist die Fensterbank vor dem großen Gartenfenster, wo von aus sie ihre unendlich anmutende Kraft schöpft.

Mit 53 hat Frau Reyero de Starke ihre Heilpraktikerausbildung begonnen. Für ein Medizinstudium fand sie sich zu alt. Heute mit 69 Jahren sagt sie: “Im Kopf denkt man, man hat noch Zeit. Ich mache gern Ausbildungen.“ Sie überlegt, ob sie eine Qigong-Ausbildung machen möchte. Fortbildungen für die Tätigkeit als Heilpraktikerin macht sie zwei Mal im Jahr. Eine Querflöte liegt auf der Liege in ihrer Praxis. „Musik ist mir wichtig. Ich lerne Flöte bei der Kantorin der Gnadenkirche“ erzählt sie. Ihren Kindern hat sie spanische Lieder vorgesungen und sie haben alle ein Instrument gelernt.

In den 70er Jahren hat die Familie ein Jahr in Amerika gelebt, nach Spanien zurück zu ziehen, war nie geplant. „Mich reizt die Ferne“, sagt sie lächelnd. Ihr Mann und sie gehen gern auf Kreuzfahrt. Im April geht es nach Amerika.

Fühlt sie Frau Reyero de Starke als Spanierin oder als Deutsche?

„Ich fühle mich hier zu Hause, aber wenn ich in Madrid Musik höre, tickt mein Herz spanisch“, antwortet sie. Nach Spanien habe sie nie Sehnsucht gehabt, „ich habe mich mit meiner Familie und der meines Mannes immer sehr verbunden gefühlt.“ Mit ihren vier Geschwistern telefoniert sie oft.

Die Stille in der Villa hört man, wenn der Fotograf seine Bilder macht. Die Kamera klickt erstaunlich laut. Zwei Wochen im Monat sind die Enkelkinder im Haus, dann ist es nicht leise.

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Bildung ist wichtig

Wer mit Laila Halim sprechen möchte, sollte lieber vorher einen Termin vereinbaren, denn sie ist eine viel beschäftigte Frau.

Laila Halim und ihr Mann haben 1990 aus politischen Gründen ihr Heimatland Afghanistan verlassen. Heute sind sie deutsche Staatsbürger und leben mit ihren vier Kindern, die in Deutschland geboren sind, in Lohbrügge. Die ältesten zwei Söhne haben bereits ihr Abitur. Der dritte Sohn und die Tochter gehen auf das Gymnasium.

Laila Halim aus Afghanistan – arbeitet als Schneiderin in Lohbrügge.

Die Frage, was damals neu und anders für sie war in Deutschland, beantwortet sie so: „Die Sicherheit und dass man sich frei bewegen konnte.“ In Afghanistan war und ist diese Sicherheit nicht gegeben.

Der größte Teil ihrer Familie lebt heute ebenfalls außerhalb Afghanistans, und zwar in England, Frankreich, Pakistan und Aserbaidschan.

Laila Halim würde sich jedoch wünschen, dass ihre Kinder einmal ihre Heimatstadt Kabul kennen lernen, aber es scheint ihr immer noch zu gefährlich zu sein, ihre Familie dort einige Zeit leben zu lassen. Sie ist froh, dass ihr ältester Sohn, der in Hamburg Wirtschaftsingenieurwesen studiert, in Deutschland den Kriegsdienst verweigert hat und sagt: „Ich lasse es nicht zu, dass meine Kinder in den Krieg gehen.“ Sie erläutert, dass sie genug unter dem Krieg in Afghanistan gelitten hat und noch heute deshalb Albträume hat. Dieses Trauma teilt sie mit allen, die diesen Krieg erleiden mussten und immer noch müssen.

Eine eigene Meinung basiert auf einer guten Bildung.

Sie befürchtet, dass es Bürgerkrieg geben werde, wenn die ausländischen Truppen das Land verlassen. Dass die Alliierten jedoch ohne eine Strategie für die Zukunft einmarschiert sind, gefällt ihr nicht. „Demokratie kann man nicht erzwingen. Erst brauchen die Menschen Bildung und dann kommt die eigene Meinung“, ist Laila Halim überzeugt.

Sie engagiert sich für die Bildung afghanischer Kinder in Hamburg, denn Kinder brauchen eine gute Schulausbildung und benötigen dafür die Unterstützung ihrer Eltern, auch in Schulgremien wie dem Elternbeirat.

Die quirlige Frau erzählt, dass Ihr Sohn manchmal meint, sie betätige sich zu viel ehrenamtlich, ihr Mann unterstütze sie aber bei all ihren Aufgaben mit Geduld.

Mehr Engagement wünscht sich Laila Halim von in Deutschland lebenden Migranten: “Ich möchte, dass mehr Migranten für Bildung und Integration kämpfen, dass wir zusammenstehen und einander helfen.“

Laila Halim engagiert sich weiterhin mit Leidenschaft für dieses Ziel, denn sie sagt: „Wenn es den anderen gut geht, geht es mir gut.

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Die Macherin

Die Macherin läßt sich ihre Weiblichkeit trotz aller Widrigkeiten nicht nehmen.

Anastasia Umrik hat kein Geld, aber einen Plan. „Die Zeit kann kurz werden“, dachte sie, nachdem sie im Winter drei Wochen mit einer Lungenentzündung  im Krankenhaus verbracht hat. Sie hat Muskelschwund und Infektionen sind für sie viel gefährlicher als für gesunde Menschen.

Sie veröffentlichte eine Anzeige, mit der sie Fotografen suchte. „Die vier Besten habe ich ausgesucht“, erklärt Anastasia Umrik mit absoluter Selbstverständlichkeit. Das Fotoprojekt soll Situationen aus dem Leben von Frauen mit Muskelschwund zeigen. Die Idee hatte Umrik schon 2010: „Viele waren begeistert und haben gefragt, wie ich das finanzieren will.“ Die Finanzierung steht nicht, alle arbeiten ehrenamtlich mit. Es sollen eine Ausstellung und ein Buch entstehen.

Ihre Form der Muskelschwunderkrankung ist progressiv, das heißt, Anastasia Umrik kann sich immer weniger bewegen. Wie es ist, wenn die Muskelkraft immer weiter nachlässt, aber der Geist wach bleibt, beschreibt sie so: “Man hat genug Zeit sich daran zu gewöhnen. Ich spüre die Veränderung gar nicht. Nach zehn Jahren merke ich: Das konnte ich mal, jetzt kann ich es nicht mehr.“ Aber Angst mache es schon, zu wissen, dass sie das Wasserglas irgendwann nicht mehr selbst heben kann. Sie schaut ernst, aber nicht ängstlich.

Assistenz heißt Betreuung rund um die Uhr – tagein, tagaus.

„Die Assistenz bedeutet Freiheit für mich“ erklärt sie. Anastasia Umrik ist 24 Jahre jung und sowohl Arbeitgeberin als auch Arbeitnehmerin. Sie war auf einer Schule für Körperbehinderte, auf der Handelsschule und ist Groß- und Außenhandelskauffrau. Bei der Assistenzgenossenschaft hat sie eine halbe Stelle. Frau Umrik benötigt rund um die Uhr Assistenz, das heißt, es muss immer jemand da sein, der ihr hilft. Zum Beispiel, um die Tür zu öffnen. Sie selbst schreibt die Stellen aus, sie teilt die Dienste ein und sie bezahlt die Assistentinnen. Das Geld dafür bekommt sie vom Sozialhilfeträger und der Pflegeversicherung. Dafür darf sie kein höheres Vermögen als 2600 Euro ansparen.

Jeden Tag arbeitet sie zwei bis drei Stunden für ihr Fotoprojekt, an Tagen mit Fotoshootings werden es mehr. Wir sitzen in ihrer modern eingerichteten Wohnung. Es stehen weiße Orchideen im Fenster, auf der dunkelbraunen Couch liegen cremefarbene und türkise Kissen. Es stehen keine Bilder herum. „Die Deko fehlt noch“, sie lächelt: „ich hatte einfach noch keine Zeit dafür.“

„Die üblichen Sachen aus dem Leben“, möchte sie mit Models darstellen, Fragen stellen und provozieren möchte sie auch. „Wie würde die Gesellschaft reagieren, wenn eine Prostituierte im Rollstuhl sitzt?“ Fragt sie und probiert es mit einem Model aus. „Es gibt ja so unbedachte Aussagen, wie ‚an den Rollstuhl gefesselt’, das stellen wir auch mal dar“, erklärt sie.

„Weil ich öfter gehört habe, wie ist das bei Euch im Bett?“ wird es auch Erotik-Shootings geben. „Es kann schön sein, auch wenn der Körper etwas anders aussieht“, erklärt sie. Die Models spricht sie selbst an, sie kommen auf eigene Kosten nach Hamburg.

So verschmitzt Anastasia Umrik auch wirkt, es ist nicht einfach ein nettes Hobbyprojekt. Ernst wird sie beim Thema Sterbehilfe: „Selbst entscheiden, wann man stirbt.“ Sterbehilfe ist in Deutschland verboten, man kann also nur freiwillig aus dem Leben scheiden, wenn man sich genug bewegen kann.

Und wie reagieren nicht Behinderte in im täglichen Leben? Oft „nett und normal“, aber „manche Menschen sind sehr distanziert. Sie haben vielleicht Ängste und reagieren mit Kontaktvermeidung.“

„Im Winter veranstalte ich eine Benefizparty“, das ist Umriks Plan zum Geld sammeln. „Ich bin eine Rampensau“, sagt sie und zwinkert. Überhaupt wirkt Frau Umrik sehr souverän. „Weil Muskelschwund Frauen körperlich schwach sind und sich nicht beim Joggen abreagieren können, sind wir mental stark“, erläutert sie. Überdurchschnittlich viele haben einen hohen Bildungsgrad. „Wir ermüden selten, und wenn geben wir es nicht zu“, sagt sie. Wegen der Ausgrenzung „will man auch zeigen, was man kann.“

Ab Herbst wird sie studieren. Dann gibt sie die halbe Stelle auf und beantragt Bafög. Chefin sein, arbeiten, das Projekt weiterführen und studieren wäre selbst für Anastasia Umrik zu viel.

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Sankt Pauli Buccaneers – American Football und Sozialprojekt

Headcoach Campino Milligan bei einer Trainingseinheit mit der Jugendmannschaft der St. Pauli Buccaneers.

In Hamburg trainert Headcoach Campino Milligan die Football Mannschaft von St. Pauli. Viele junge Männer finden durch das Training einen neuen Lebensweg.

Vor jedem Spiel sprechen die Buccaneers kniend ein Gebet. Bitten und Danken ist für viele der Spieler eine neue Erfahrung, doch für die neue Richtung, in die sie gehen wollen, krempeln sie ihr Leben um.

Schwere Jungs, die vor dem Spiel alle zusammen beten. Ein Ritual für alle, auf das keiner mehr verzichten mag.

American Football: Das Ende von Drogen, Gewalt und Kriminalität?

Bevor ich zum American Football kam, habe ich viel Zeit totgeschlagen“, erzählt Patrick, 20 Jahre alt. Nick, 19 Jahre alt, berichtet: „Ich habe früher öfters die Schule geschwänzt, hatte Streitereien mit anderen, und mit der Polizei hatte ich auch Probleme.“ Mounir, 18 Jahre alt, äußert sich ähnlich: „Meine Freunde und ich haben vor der Glotze gehangen und Computerspiele gespielt. Aber davon stirbt irgendwann die Seele.“

Aus Patrick, 20 Jahre alt, ist ein ganzer Mann geworden, der sich inzwischen sogar über eigenen Nachwuchs freuen kann.

Alle drei kommen aus Stadtteilen, in denen das Leben für Jugendliche oft perspektivlos ist. Das Ergebnis sind Geschichten, in denen es um Drogen, Gewalt, Kriminalität geht und die oft im Gefängnis enden. Nick hatte Glück. Nach einem Einbruch wurde er zu Arbeitsstunden verurteilt. Als er diese abgeleistet hatte, entschied er sich für die Buccaneers. Dort setzte ein Lernprozess ein, als Headcoach Campino Milligan ihm erklärte, dass er an seine Zukunft denken müsse. Dabei verfügt Milligan nicht über der Allgemeinheit unzugängliche Weisheiten. Er verlangt nur das, was er selbst geleistet hat. Durch seine eigene Geschichte belegt er, dass Aufgeben keine Alternative ist.

Seine Mutter gab ihn früh zur Adoption frei, mit seiner deutschen Familie kam der US-Amerikaner nicht klar. Mit 17 zog er aus, war auf sich allein gestellt. Er hätte auf die schiefe Bahn geraten können, doch er fand Halt im Sport.

Headcoach Campino Milligan steht am Rande des Spielfelds und zieht von seinen Jungs immer wieder neue Kraft und viel Freude. Er stellt für manchen eine Art Vaterersatz dar.

American Football ist ein Integrationssport

Bei allem, was er verlangt, hat Milligan ein effektives Druckmittel. Denn er verbannt alle, die sich nicht an seine Regeln halten, vom Spielfeld. Eine harte Strafe, wenn man hört, was die Spieler über ihren Sport sagen. Linebacker Patrick, der vor fünf Jahren durch seinen Bruder dazukam, bekennt: „Ich liebe diese Sportart. Sie ist Teil meines Lebens.“ Mounir gesteht: „ Ohne Helm fühle ich mich wie eine Frau ohne Handtasche.“

Dass diese Sportart es vermag, junge Männer von der Straße zu holen, hat zwei Gründe: Man braucht Aggressivität und jeder kann American Football betreiben. „Der große, dicke, Breite wird genauso gebraucht wie der kleine, schnelle Dünne“, sagt Milligan. Attribute wie Religion, Hautfarbe und Herkunft sind bei der Aufnahme ins Team unmaßgeblich. Milligan betont, dass die Verbundenheit auf inneren Werten basiert, dass die Buccaneers aus zurzeit 21 Nationen bestehen, dass nicht alle aus problematischen Verhältnissen kommen, dass die Mannschaft trotz alledem funktioniert. „Hier lernt man das Miteinander und das Füreinander“, erklärt Milligan und ergänzt: „Wir haben das Sozialprojekt vor allem durch die Genialität dieses Sports fördern können, denn er integriert so viele Menschen.“

Nick ist 19, geriet schon mal auf eine schiefe Bahn, kümmert sich nun aber als Vorbild um die Jugendlichen in seinem Ghetto. Er ist zwar kein Pädagoge, kennt aber die Herausforderungen des Alltags sehr genau und gilt als leuchtendes Vorbild.

Schule schwänzen und schwarz fahren wird nicht geduldet

Seit der Gründung der Buccaneers im Oktober 2003 war klar, dass auch der soziale Aspekt im Vordergrund stehen solle. Gezielt geht Milligan auf Jugendliche zu, um ihnen diese Sportart nahe zu bringen. So kam Patricks Bruder Igor zur Mannschaft. Er bewies Talent spielte schließlich in den USA.

„Ich möchte, dass möglichst viele in die Staaten gehen. Diejenigen, die hier bleiben, sollen ihre Ausbildung fertig machen und dann möglichst auch in der Nationalmannschaft spielen“, sagt Milligan und fügt hinzu: „Alle sollen zurückblicken und dann sagen können, dass sie eine schöne Jugend hatten.“ Dafür müssen die Spieler zunächst ein zweimonatiges Probetraining bewältigen. Milligan erklärt: „Die Jungs müssen ihre Bereitschaft zeigen, sich in das Team zu integrieren und die Regeln anzunehmen. Sie müssen ihr Leben radikal ändern.“

Mounir, 18 Jahre alt kommt aus einem Hamburger Stadtteil, in dem das Leben für Jugendliche an vielen Tagen eintönig, meistens schwierig und nur allzu oft perspektivlos ist.

Um einen Spielerpass zu bekommen, müssen die Freibeuter regelmäßig zur Schule gehen und kriminelle Aktivitäten, auch schwarz fahren, einstellen. Gebrandschatzt wird nur noch auf dem Spielfeld. Damit das funktioniert, hält Milligan Kontakt zu Eltern und Lehrern. Er sagt: „Die Ausbildung steht immer an erster Stelle.“ So hat Patrick eine überbetriebliche Ausbildung zum Instandsetzungsmechaniker gemacht und strebt nun einen Realschulabschluss an. Punktemacher Nick hat ein Berufsvorbereitungsjahr absolviert und arbeitet in einem Schuhgeschäft, in dem er eine Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann beginnen kann. Für alle, die das Probetraining schaffen, verändert sich viel. Patrick erzählt: „Seitdem ich hier bin, habe ich gelernt, etwas mit ganzem Herzen tun.“

Campino kann jeden Jungen gebrauchen. American Football ist eine Sport, in der es für jede Statur eine Position gibt. Dadurch erhalten viele Jugendliche eine neue Perspektive und sie lernen, eigene Ziele zu verfolgen.

Gute Manieren, das vierte Gebot und neue Freundschaften

Das liegt vielleicht daran, dass er von Menschen umgeben ist, die sich kümmern. Denn hinter Milligan steht ein Team, das sich um Abläufe, Organisation, Pressearbeit und Sponsoren kümmert. Darüber hinaus trainieren weitere Coaches die Läufer, Receiver, Werfer und Kicker, die Angriffs- und Verteidigungslinie sowie die Rückraumverteidigung. Milligan erklärt: „Die Jungs geben uns ihre Zeit, und darum wollen wir sie während des Trainings so gut wie möglich coachen und ihnen so viel wie möglich beibringen.“

Für Milligan sind das auch guter Umgangston und Manieren Und dann ist da noch das vierte Gebot. „Campino hat mir klar gemacht, was meine Mutter dazu beisteuert, dass wir hier mitmachen können“, berichtet Patrick. Dann erzählt er, dass seine Mutter trotz zwei Jobs die Zeit findet, ihre Söhne zum Training zu fahren.

Viele Eltern freuen sich, dass ihre Sprösslinge einen neuen Freundeskreis innerhalb des Teams aufbauen. Nick, der vor drei Jahren zu den Buccaneers kam, sagt: „Ich grüße meine Freunde von früher noch, aber ansonsten halte ich mich da aus allem raus.“

„American Football ist ein Teil von mir.
Ohne Helm fühle ich mich wie eine Frau
ohne Handtasche.“

Milligans Traum: Junge Männer ohne Vorstrafen

Trotz dieser positiven Bilanz verfügt die Mannschaft über keinen eigenen Platz. Die aus 57 Spielern bestehende Jugendmannschaft trainiert an zwei Abenden am Millerntor, davon einmal zusammen mit den 42 Herren. Die müssen an einem weiteren Abend nach Eidelstedt ausweichen. Insgesamt eine frustrierende Situation. „Wir brauchen endlich einen Heimathafen. Wir brauchen die Stadt, und die Stadt braucht uns. Wenn wir zusammenarbeiten würden, könnten wir vieles realisieren und die Mannschaft könnte zum Vorzeigeobjekt werden“, meint Milligan.

Vorzeigeobjekt und Inspiration für Football Mannschaften in anderen Städten zu sein, ist Milligans Traum. Er möchte Jungen, die Probleme haben und bereiten, von der Straße holen und würde sich über Nachahmer freuen. Er wünscht sich einen Ort, wohin diese Jungen direkt nach der Schule gehen können, um dort zu essen, Hausaufgaben zu machen und zu trainieren. Er möchte ihnen die Förderung und die Zuneigung geben, die sie brauchen, um mit Anfang 20 als gestandene Männer, ohne Vorstrafen, da zu stehen.

Es ist Milligans Traum, Vorzeigeobjekt und deutschlandweit Inspiration für andere Mannschaften zu sein. Er möchte das Team vergrößern sowie die Betreuung ausbauen. Sein Plan ist es, bereits mit den Acht- bis 14-Jährigen zu trainieren. Er stellt sich einen Ort vor, an dem Jungen nach der Schule essen, Hausaufgaben machen und dann trainieren können. Er möchte ihnen die Förderung geben, die sie brauchen, um mit Anfang 20 ohne Vorstrafen dazustehen.

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Bettina McDowell
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22395 Hamburg
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„Wir nehmen uns die Stadt“

Prolog

Die Verwandlung der Sternschanze vom alternativen Viertel zum angesagten Stadtteil sorgt immer wieder für Zündstoff. Das Mietniveau stieg in den letzten Jahren an, wobei der Verdacht aufkommt, dass ein künstlich niedrig gehaltenes Angebot die Mieten noch weiter nach oben treibt. In diesem Zusammenhang taucht in der öffentlichen Berichterstattungimmer öfter der Name des Immobilienbesitzer Ernst August Landschulze auf, dessen Wohnungsverwaltung bis heute nicht zu einer eigenen Stellungnahme bereit ist.

Besetztes Haus in der Juliusstraße 40 Ecke Schulterblatt.

Besetztes Haus in der Juliusstraße 40 Ecke Schulterblatt.

Am Samstag, den 16. Oktober,  kommt es am Nachmittag zu einer Hausbesetzung durch sieben Personen in dem Eckhaus Juliusstraße, Schulterblatt. Das Haus wurde aufwendig renoviert, heute stehen dort Wohnungen leer – teilweise seit Monaten. Als Begründung durch den Eigentümer heißt es dazu in der Presse, die Bauarbeiten und Sanierungsmaßnahmen würden sich eben länger hinziehen als ursprünglich geplant.

Samstag, 16.10. 17:34 Uhr

„Wir nehmen uns die Häuser“

Unter diesem Stichwort wird von einem Email-Account eine Presseerklärung an die Hamburger Medienlandschaft verschickt. Es klingt nach einem Pranger für Miethaie: „Nicht nur Hamburger Normalzustände: Steigende Mieten, zunehmender Mangel an günstigen Wohnungen, Luxussanierungen und Neubau von immer mehr Eigentumswohnungskomplexen – auf der anderen Seite Leerstand von über 1 Million qm Büroraum, erstaunlicherweise jedoch auch von mehr und mehr Wohnungen.“ Neben einem Aufruf zur Teilnahme an der Demonstration vom 23.10. enthält die Pressemitteilung noch einige Details über die Renovierungsarbeiten. „Im Schneckentempo werden einzelne Fliesen verlegt und sonstige Arbeiten hinausgezögert, um gegenüber dem Bezirksamt den Rücken frei zu haben. Dieses schnieke, frisch renovierte Gebäude führen wir heute wieder einer Nutzung zu!“

In dem Haus ist eine Wohnung bewohnt, während die anderen teilweise seit Monaten aufgrund von angeblichen Sanierungsarbeiten leer stehen.

17:57 Uhr

Der FC St. Pauli hat in der Saison 2010/11 sein erstes Heimspiel gewonnen. Die ersten Fans treibt es in Richtung Sternschanze. Das Eckhaus Juliusstraße 40/Schulterblatt sieht besetzt aus. Transparente mit Sprüchen wie ‚Miethaie zu Fischstäbchen‘ hängen draußen. Auf einem Balkon werden Lautsprecherboxen aufgestellt und die Musik aufgedreht. Die dröhnende Musik ist noch weit in der Susannenstraße hörbar. Von den mutmaßlichen Besetzern des Hauses lassen sich einige ab und zu auf den Balkonen der verschiedenen Wohnungen blicken. Vor ihren Gesichtern tragen sie Masken, wobei Einzelheiten kaum zu erkennen sind. Von der Polizei ist weit und breit nichts zu sehen. Die Stimmung ist weder angespannt noch aggressiv, eher friedlich.

Am Samstag, den 16. Oktober besetzen laut Polizeiangaben 7 Personen mehrere der leer stehenden Wohnungen und…

18:15 Uhr

Vier von den Besetzern halten sich nun fast die ganze Zeit auf den Balkonen auf. Quer zum Schulterblatt wird ein weiteres Transparent aufgehängt. ‚Wir nehmen uns die Stadt‘, steht dort in großen roten Buchstaben auf weißem Untergrund. Noch läuft der Verkehr auf dem Schulterblatt relativ normal, einige Passanten stehen drum herum und sehen schaulustig zu. Vereinzelt sieht man St. Pauli Fans erkennbar an ihren Schals. Von der Polizei ist nach wie vor keine Spur zu erkennen. Nicht einmal ein Streifenwagen läßt sich bis dahin blicken.

…hängen Transparente mit politischen Parolen aus. Der Protest richtet sich gegen steigende Mieten und den scheinbar unerklärlichen Leerstand auf der anderen Seite.

19:35 Uhr

Die Polizei ist zwei Stunden nach Beginn der Besetzung mit einer ganzen Hundertschaft und zwei Wasserwerfern angerückt. Das besetzte Eckhaus wird weitestgehend von der Vorderfront von Polizisten mit weißen Helmen umzingelt. An der Ecke vom Schulterblatt brennt eine kleine Feuerstelle, die vom Wasserwerfer aus gelöscht wird. Ab und zu fliegt vom Balkon des besetzten Hauses ein Feuerwerkskörper in Richtung Straße, der dann sofort gelöscht wird. Aus den Kneipen und Gaststätten zieht es viele Schaulustigen auf den Platz, die Aufnahmen mit ihren Handys machen. Der Verkehr durch das Schulterblatt ist längst zum Erliegen gekommen. Die Menge selbst verhält sich friedlich und auch die Polizei reagiert auf keine Provokation bis zu diesem Moment.

Zu dem Einsatz gehören zwei Wasserwerfer, vor denen drei Demonstranten eine kleine Sitzblockade errichten.

Der Verlauf der Besetzung ist zunächst friedlich, bis…

19:39 Uhr

Das Transparent ‚Wir nehmen uns die Stadt‘ liegt auf der Straße, wo inzwischen einige Personen eine Sitzblockade angefangen haben. Die Feuerstelle vor dem Haus lodert vor sich hin, beide Wasserwerfer zielen auf die friedliche Menschenmenge, die sich vor der Gastronomien auf der Plaza zwischen dem Transmontana und dem bedford angesammelt hat. Zu einem Einsatz eines der Wasserwerfers gegen Personen ist es dagegen nicht gekommen. Die Polizei bittet über Lautsprecherdurchsage um Auflösung der Zuschauermenge und warnt vor der Behinderung der Polizeiarbeit. Immer mit einem Auge auf die Zielrichtung der Wasserspender lassen sich noch gute stimmungsvolle Fotografien anfertigen. Die Wohnungen selbst sind nach wie vor nicht geräumt, aber mittlerweile liegt wohl eine offizielle Anzeige wegen Hausfriedensbruch vor.

…auf den temporären Einsatz der Wasserwerfer, die kleine Brandherde durch Feuerwerkskörper verursacht, sofort löschen.

19:48 Uhr

Die Wasserwerfer zielen nun eindeutig auf die friedliche Menge am Rande des Geschehens, die Sitzblockade provoziert, worauf die Polizei mit großer Gelassenheit reagiert. Auf die kleinen Brandherde auf dem Schulterblatt durch Feuerwerkskörper reagiert die Einsatzleitung gezielt mit Löscharbeiten aus den großen grünen Wassertanks. Die ersten Stimmen werden laut, ich möchte doch nur nach Hause und schnell ins Bett.

Selbst auf milde Provokationen reagiert die Polizei zunächst gelassen und unternimmt nichts.

Aus dem umliegenden Trubel strömen zahlreiche Schaulustige zum Schulterblatt, die das Geschehen mit ihren Handys aufmerksam verfolgen.

20:00 Uhr

Die Medien zeichnen intensiv die Vorkommnisse auf. Noch kann man gewaltfrei die Szenerie passieren.

20:23 Uhr

Die Abriegelung des besetzten Eckhauses ist massiver geworden. Die schaulustigen Menschen stehen noch friedlich da und schauen zu. Vereinzelt hört man Glas gegen Metall aufschlagen, wobei wahrscheinlich Flaschen gegen die Wasserwerfer geworfen werden. Kein Polizist steht dort ohne Helm und schützende Kleidung. Die Lage scheint eher immer noch weitestgehend entspannt zu sein und ob die Besetzer im Haus sind oder die Wohnungen inzwischen geräumt sind, vermag kaum einer richtig beurteilen zu können.

Bis zu diesem Zeitpunkt ist ohne weiteres ein vorsichtiges Annähern an die Absperrung möglich.

20:34 Uhr

Auf einmal kommt Bewegung auf die Straße. Unter den bis dahin friedlichen Schaulustigen nimmt wie aus dem Nichts aufgetaucht ein Einsatzkommando der Polizei Stellung, die sich von den friedlichen Weißhelmen durch schwarze Helme unterscheiden. Ich erkenne sowohl eine Spraydose mit der Aufschrift ‚Polizei‘, als auch Schlagstöcke und geballte Fäuste unter den Schwarzhelmen. Durch diese provokanten Gesten kippt die Stimmung unter den Schaulustigen und eine merkwürdige Mischung aus Protest und Trotz macht sich breit. Darauf reagiert wiederum die Polizei unmittelbar mit ihrem nassen Kommando und spritzt wahllos zwischen die Leute. Der Einsatz dauert keine zwei Minuten, dann sind deutlich mehr schwarze Helme und nur noch verstreute Passanten erkennbar. Mit der Ausdünnung der Menschenmenge wird der Einsatz vom Wasserwerfer kurz unterbrochen. Von der Südseite vom Schulterblatt möchten Passanten die Susannenstraße in sicherem Abstand zur Polizei queren, was durch einen erneuten Warnschuß aus der grünen Kanone beantwortet wird.

Kurz nach halb neun taucht ein Einsatzkommando der Polizei auf, die sehr provozierend auf die Personen wirkt.

Die Beamten in schwarz sind mit Sprühflaschen und Schlagstöcken offenbar für einen unmittelbaren Einsatz bereit. Hier ein Ausschnitt aus einer der Aufnahmen.

Die Polizei in grün verhält sich nach wie vor gelassen, während es nun…

…zum unnötigen Einsatz der Wasserwerfer kommt. Die umstehenden Menge löst sich schnell auf.

20:52 Uhr

Die Lage hat sich beruhigt, das Einsatzkommando mit ihren schwarzen Helmen ist wieder im Schutze der Dunkelheit verschwunden. Eine Anfrage über den Sinn von Ihrem Einsatz bei der Pressestelle der Polizei bleibt bis heute unbeantwortet. Der Einsatzleiter vor Ort verweist selbst auf die Pressestelle der Polizei. In deren Pressemitteilung heißt es zu diesen Ereignissen: „Bei der Festnahme drei weiterer Tatverdächtiger am Einsatzort Schulterblatt/Juliusstraße, wurden die Beamten aus einer Gruppe von ca. 150 Personen wiederum mit Flaschen beworfen, woraufhin es nochmal zum Wasserwerfereinsatz kam. Ein Beamter wurde bei dem Bewurf durch Glassplitter verletzt.“ Der sehr provozierende Einsatz der Schwarzhelme wird nicht mit einer Silbe erwähnt.

Die Beamten mit den weißen Helmen sichern weiterhin die Wasserwerfer. In dem besetzten Eckhaus ist es nun friedlich und keine halbe Stunde später rücken denn auch die Wasserwerfer und die dazugehörige Hundertschaft ab.

Der Einsatz dauert keine fünf Minuten und das Einsatzkommando verschwindet so schnell, wie es gekommen ist. Die Lage scheint nun unter Kontrolle zu sein. Aber ob der Einsatz gegen die Schaulustigen wirklich notwendig war, bleibt bis heute zweifelhaft.

Epilog

Stellungnahme vom Landesverband der NPD zu den Ereignissen: „Weitere 300 linkskriminelle Personen befanden sich auf der Straße vor dem Gebäude.“

Online-Ausgabe der Hamburger Morgenpost zu den Vorkommnissen: „Etliche Passanten kritisierten das Vorgehen der Beamten. „Die Miteigentümerin des Hauses hat Strafantrag wegen Hausfriedensbruchs gestellt. Deshalb mussten wir handeln“, sagt Polizeisprecher Mirko Streiber. Es sei zum Einsatz von Wasserwerfern gekommen, weil mit Böllern und Flaschen geworfen wurde.

Presseerklärung des Vereins Mieter helfen Mietern vom 19.07.2010: „MIETER HELFEN MIETERN hat Leerstands- und Zweckentfremdungsanzeige in weiteren 23 Fällen erstattet. Die meisten der Wohnungen stehen länger als ein Jahr leer, ohne dass die zuständigen bezirklichen Ämter eingegriffen hätten. Die Wohnungen liegen in der Susannenstraße, Beim Grünen Jäger, am Neuer Pferdemarkt, in der Otzenstraße und ein Stadthaus in der Wohlers Allee. Neben dem schon bekannten Vermieter E.A. Landschulze, lassen Eigentümer wie Köhler & von Bargen und die GbR Ramke/Baas/Böttcher Wohnungen leerstehen.“

Presseerklärung der GAL-Fraktion vom 21. Oktober 2010: „Beschluss im Stadtentwicklungsausschuss 
Spekulativer Wohnungsleerstand wird bekämpft 
  
Der Stadtentwicklungsausschuss hat gestern Abend mit den Stimmen aller vier Fraktionen einen Antrag zur Bekämpfung von spekulativem Wohnungsleerstand beschlossen. Ziel ist es, Verwaltungsverfahren bei Leerständen zu beschleunigen. Außerdem soll der Senat die rechtlichen Voraussetzungen schaffen, um bei längeren Leerständen Zwischennutzungen verbindlich anordnen zu können.“

© Text und Fotos – Cornelius Kalk

Free Iran

Nach den vermeintlich gefälschten und heftig umstrittenen Wahlergebnissen und den darauf folgenden Demonstrationen im Juni 2009 ist es im Iran zu schweren und ungesetzlichen Ausschreitungen des Regimes gegen die eigene Bevölkerung gekommen.

Im September 2009 nach einer Kampagne der Rechtsanwältin und Friedensnobelpreisträgerin Shirin Ebadi haben die Hamburger IranerInnen sich der von Frau Ebadi initiierten weltweiten Bewegung zur Unterstützung der trauernden iranischen Mütter angeschlossen.

Sie unterstützen angesichts der massiven Menschenrechtsverletzungen, der Unterdrückung der freien Meinungsäußerung, der unzähligen ungesetzlichen Festnahmen, der Folterungen und Hinrichtungen auch unbescholtener Bürger ohne ordentliche Gerichtsverfahren die Widerstandsbewegung im Land. Jeder Hamburger, der sich gerne beteiligen möchte, kann sich an der Aktion „Solidarität mit den Iranischen Müttern Parke-Lale-Hamburg“ beteiligen. Sie stehen jeden Samstag von 15:30 bis 16:30 Uhr auf dem Ida-Ehre-Platz in der Mönckebergstraße.

© Text – Madarane Irani (facebook), Hamburg

© Fotos – Cornelius Kalk, Hamburg

Solidaritätsbekundung mit den iranischen Müttern Parke Lale-Hamburg

Solidaritätsbekundung mit den iranischen Müttern Parke Lale-Hamburg

Solidaritätsbekundung mit den iranischen Müttern Parke Lale-Hamburg

Regimekritiker vereinigten sich im vergangenen Jahr zu einer massiven Gegenbewegung, die als Friedenssymbole die Farbe grün und das Victory-Zeichen verwenden.

Solidaritätsbekundung mit den iranischen Müttern Parke Lale-Hamburg

Die Demonstrationen finden jeden Samstag von 15:30 bis 16:30 Uhr auf dem Ida-Ehre-Platz in der Hamburger Innenstadt statt.

Solidaritätsbekundung mit den iranischen Müttern Parke Lale-Hamburg

Jeder kann sich an den Aktionen beteiligen und für Menschenrechte, Freiheit und Demokratie im Iran seinen eigenen Beitrag leisten. Der Parke Laleh ist ein Park in Teheran, in dem sich dort die trauernden Mütter versammeln.