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2012 im Rückblick

Mein eigener Blog im Rückblick auf das Jahr 2012. Auf viele neue bewegende Bilder und die Geschichten dazu im Jahre 2013. Ich freue mich auf regen Austausch mit meinen Lesern, interessante Menschen und vor allen Dingen tolle neue Perspektiven.

Die WordPress.com-Statistik-Elfen fertigten einen Jahresbericht dieses Blogs für das Jahr 2012 an.

Hier ist ein Auszug:

600 Personen haben 2012 den Gipfel des Mount Everest erreicht. Dieser Blog hat 2012 über 4.400 Aufrufe bekommen. Hätte jede Person, die den Gipfel des Mount Everest erreicht hat, diesen Blog aufgerufen, würde es 7 Jahre dauern, um so viele Aufrufe zu erhalten.

Klicke hier um den vollständigen Bericht zu sehen.

Für die Sache

Bei Helmuth Sturmhoebel steht man sofort im Esszimmer, wenn er die Tür öffnet. „Es ist der Verkaufsraum eines alten Milchladens“, erklärt er. Das Haus im ehemaligen Sande hat Geschichte. Helmuth Sturmhoebel macht Geschichte. Das klingt abgehoben, stimmt aber. Das liegt wahrscheinlich daran, dass er lieber anpackt, als dass er debattiert. Damit, dass er nicht „nein“ sagen kann, hat es sicher auch zu tun.

Helmuth Sturmhoebel – Oberstudienrat – Deutscher in 3. Generation, aber seine Familie kam selbst aus dem Memelland nach Bergedorf. Auch dabei findet eine Art Integration und Vermischung der Kulturen statt, wobei mindestens eine einheitliche Sprache bei allen als Basis der Kommunikation vorhanden ist.

Helmuth Sturmhoebel ist Sonderschullehrer an der Lohbrügger Grundschule Max-Eichholz-Ring, einer der beiden ersten Schulen in Hamburg, die eine Integrationsklasse hatten.

Mit seiner Frau Elke, die Reisejournalistin ist, reist er durch die Welt. „Der Horizont weitet sich“, sagt Sturmhoebel über seine Reisen. Ein Beispiel: „Mali ist laut Weltbank  eines der ärmsten Länder. Slums und hungernde Menschen gibt es dort trotzdem nicht.“ Seinen Horizont erweitert hat Sturmhoebel schon als Schüler. Bevor er ein Jahr als Austauschschüler in den USA war, engagierte er sich in der evangelischen Gemeinde als Jugendleiter. Nahe der mexikanischen Grenze in Imperial Beach hat er unterschiedliche christliche Gruppen kennengelernt und deren Kirchen fotografiert. Wieder in Deutschland entschied er sich gegen die Religion. Im Studium übernahm er dann 1978 zum ersten Mal einen Jugendweihekurs in Bergedorf. „Es geht darum, Verantwortungsethik zu vermitteln“, erläutert er. Da in Helmuth Sturmhoebel auch ein Forschergeist schlummert, beteiligte er sich an einem Buch über die Historie der Jugendweihe. Im Augenblick erforscht er seine Familiengeschichte und die Verbindung eines seiner Verwandten zu Edvard Munch.

1973 trat Sturmhoebel den Jusos bei und nach dem Nato-Doppelbeschluss wieder aus. Heute sitzt Sturmhoebel als Parteiloser für die Linke im Stadtteilbeirat Lohbrügge. Er kandidierte weit hinten auf der Liste der Linken. Das neue Wahlrecht brachte ihn weit nach vorn auf der Liste, aber nicht in die Bezirksversammlung. In der Bezirksfraktion der GAL war Sturmhoebel auch als parteiloses Mitglied mehrmals vertreten. Der Kossovoeinsatz der Bundeswehr, beschlossen von SPD und Grünen auf Bundesebene, verursachten die Abspaltung der Regenbogenfraktion, zu der Sturmhoebel für seine verbliebene Amtszeit zählte. Bei den Friedensdemos in Bonn, war er dabei und kurze Zeit DKP-Mitglied. „Parteidiskussionen sind nichts für mich“, sagt er und: „Ich engagiere mich lieber für die Sache und suche mir Bündnispartner.“

Zum Beispiel im Vorstand und als Mitarbeiter für den 1988 gegründeten ZornRot e.V., der Frauen, Männern und Kindern Beratung bei sexualisierter Gewalt anbietet. Beim Deutschen Freidenker Verband war er Vorsitzender im Landesverband Hamburg/Schleswig-Holstein und im Bundesvorstand, seit 34 Jahren engagiert er sich bei der AWO. Er ist Kassenwart und betreut die Mitgliederverwaltung im Kreis Bergedorf. „Ich konnte wieder nicht nein sagen, als mein Vorgänger krank wurde“, erläutert er.

Die Geschichte der Integration seiner eigenen Familie ist bei Helmuth Sturmhoebel immer präsent, denn sie ist ihm wichtig. Genauso wie er lieber ein ordentliches Buch liest, statt sich vorm Fernsehen zu setzen.

Der große, aufrechte Mann mit dem grauen Haar ist immer konkret. Sprüche wie „Integration ist keine Einbahnstraße“, gehören nicht in sein Repertoire. „Integration beginnt, wenn der Mensch da ist“, sagt er. Das heißt für ihn: „Sprachkurse für Eltern sind wichtig. Wenn die Menschen hier ankommen wollen, dann lernen sie die Sprache.“

Fragt man nach seiner Einschätzung zur Entwicklung des Stadtteils, bringt er diese sofort in den Zusammenhang mit den neuesten Sparvorhaben des Senats. „Wir brauchen mehr Geld für die Jugendarbeit, nicht weniger“, sagt er und: „Jugendliche bewegen sich in einem Umkreis von 500 Metern um ihr Elternhaus, deswegen muss die Jugendarbeit vor Ort stattfinden.“ Für Senioren gelte Ähnliches.

Um 1890 ist seine Familie aus dem Memelland nach Hamburg gekommen. Er ist in Bergedorf aufgewachsen und geblieben. Zur selben Zeit wurde das Haus in Lohbrügge, indem er lebt und in dem sein Sohn Hanno aufgewachsen ist, erbaut.

Helmuth Sturmhoebel hat direkt nach dem Abitur seine Frau geheiratet. Glücklich verheiratet sind sie nach fast 37 Jahren immer noch. „Wir gehen jeden Mittwoch in die LOLA tanzen“, erzählt er. Es versteht sich von selbst, dass Sturmhoebel an der Gründung des LOLA Kulturzentrum e.V. nicht ganz unbeteiligt war.

„Die Stunde vor elf ist mir heilig“, sagt Sturmhoebel. Zur Ruhe kommen vorm Schlafen sei wichtig. Zur Ruhe kommen er und seine Frau im Wohnzimmer beim Lesen.

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Sigrun Friederike Priemer
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Cornelius Kalk
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Schreiben und Knipsen

Der Fotograf Cornelius Kalk und die Journalistin Sigrun Friederike Priemer portraitieren Lohbrügges kulturelle Vielfalt. Bis zu zwölf Menschen mit unterschiedlicher Herkunft werden sie treffen und erfahren, wie sie hier leben.

Sigrun Priemer – Journalistin und Autorin

Sigrun Friederike Priemer (sfp): Herr Kalk, wie sind Sie eigentlich auf die Idee gekommen, zwölf Menschen mit Migrationshintergrund aus Lohbrügge zu portraitieren?

Cornelius Kalk (ck): Ich möchte wissen, was die Menschen bewegt und wie sie ihre Kultur hier leben. Der Austausch zwischen Menschen interessiert mich. Es werden aber nur elf Menschen mit Migrationshintergrund, weil Sie vorgeschlagen haben einen alt eingesessenen Lohbrügger zu interviewen. Warum wollten Sie das?

Sfp: Kultureller Austausch funktioniert nur, wenn alle beim Austauschen mitmachen dürfen. Zur Kulturellen Vielfalt zählt auch die einheimische Kultur, das wird bei der Integrationsdebatte oft vergessen. Miteinander heißt miteinander und nicht die Anderen unter sich.

Worauf achten Sie besonders beim Fotografieren?

Cornelius Kalk – Fotograf und Bildjournalist

Ck: Ich möchte die Menschen zeigen, wie sie leben. Wo sie sich engagieren. Jetzt wird es technisch: Ich achte auf die unterschiedlichen Ebenen. Durch das Weitwinkelobjektiv, das ich gerne beim Fotografieren verwende, verschmelze ich drei Ebenen zu einem Foto. Was ist Ihnen bei den Texten wichtig?

Sfp: Achtung und Respekt. Es geht nicht um die zur Schau Stellung der Personen. Es geht um ihr Leben, ihr Engagement und darum, was die Menschen mit ihrem Wohnort verbindet. Was sie mitgebracht haben und was sie an ihrem Leben in Bergedorf schätzen. Zurück zu den Ebenen: Welche sind das?

Ck: Es geht bei dem Ebenen um die Person, wofür sie steht, wie das Umfeld, die Familie, das Engagement – das möchte ich in einem Bild einfangen. Das Weitwinkel nutze ich, um den Bezug herzustellen.

Es ist übrigens gar nicht so einfach, Teilnehmer zu finden.

Sfp: Das stimmt. Aber spannend ist es. Auf diese Weise haben wir beispielsweise die Moschee in Bergedorf kennengelernt. Ich habe bei einem Schneider gefrühstückt. Man telefoniert mit vielen Menschen und trifft dann die Teilnehmer. Nicht jeder möchte mit Foto in der Zeitung erscheinen.

Aber alle sind hilfsbereit.

Ck: Es ist sehr inspirierend, mich mit den unterschiedlichen Menschen und ihrer Kultur zu beschäftigen. Ich bin neugierig, wen wir noch kennenlernen. Es ist erstaunlich, wie offen die Menschen zu uns sind und wie unterschiedlich ihre Geschichten sind.

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„Integration beginnt im Kopf“

Kreativität ist Olga Diewolds Thema. Sie hat darüber in Moskau promoviert. „In Russland war das Thema ungewöhnlich“ erzählt die promovierte Pädagogin. In Russland musste Olga Diewold ihre deutschen Wurzeln verstecken. In der Öffentlichkeit sprach sie kein Deutsch, ihr Mädchenname Olga Christ war auffällig. In Deutschland musste sie die deutsche Sprache neu erlernen, weil das Deutsch der Russlanddeutschen sich vom modernen Hochdeutsch unterscheidet.

Dr. Olga Diewold aus Rußland als Ruhepool im Haifischbecken der Kommunikation zwischen Eltern und Schülern.

Frau Diewold hat sich nach der Wende entschieden nach Deutschland auszuwandern, während sie am ihrer Promotion arbeitete: „Ich habe mich nicht getraut, das zu an der Bildungsakademie zu erzählen, weil ich Nachteile befürchtet habe.“ Der Weg von der Bildungsakademie in Moskau an die Adolf-Diesterweg-Schule war lang. Selbstbestimmtheit war dem russischen Erziehungssystem unbekannt. Es zählten Gehorsam und Perfektion. „Ich habe mich geschämt, weil ich nicht alles verstanden habe“, sagt Frau Diewold über ihre ersten Gehversuche in Hamburg. „Ängste sind normal auch von Einheimischen gegenüber Ausländern“, findet sie. „Integration fängt im Kopf an“ sagt Frau Diewold und erklärt: „Man braucht eine positive Einstellung: Ich bleiche hier und ich will hier etwas erreichen.“

Etwas erreicht hat sie: Ihren Traumjob. Olga Diewold ist Kulturvermittlerin in Neuallermöhe. „Ich möchte Brücken bauen zwischen der Schule und dem Elternhaus“, beschreibt sie ihre Tätigkeit. Die Erwartungen von Eltern aus dem russischsprachigen Raum an die Lehrer und die Schule sind oft nicht vereinbar mit den deutschen Schulalltag. Sowohl Eltern als auch Lehrer können sich an Frau Diewold wenden. Sie ist in beiden Kulturen zu Hause, kann beide Sprachen fließend und kann so beiden Seiten helfen.

Auf die Frage, ob für sie Integration mit der Sprache oder der Kommunikation im allgemeinen anfänge, antwortet Frau Diewold, für sie begänne eine gut funktionierende Integration bereits im Kopf.

Anfangs hat Olga Diewold ehrenamtlich vermittelt, später auf Honorarbasis. „Können Sie schreiben, dass die Jutta Dittmar sich sehr für den Stadtteil eingesetzt hat?“ fragt sie. Jutta Dittmar, die ehemalige Schulleiterin, hat der Schulbehörde eine feste unbefristete Stelle für eine Fachfrau aus dem Kreuz geleiert. Eine Fachfrau, die glücklich mit ihrem Job ist. Erziehungsberatung bietet sie im Elterncafé an, dann gibt es das Projekt Family Literacy (FLY). Bei FLY lernen Eltern mit ihren Kindern Deutsch. Bei allem, was sie erzählt, strahlt die Frau mit den großen blauen Augen eine mitreißende Begeisterung aus, dass man sich am liebsten selbst von ihr beraten ließe. Überzeugen konnte Familiy Literacy auch andere: 2010 erhielt es den King-Sejong-Alphabetisierungspreis der UNESCO und 2011 den Hamburger Bildungspreis der Hamburger Sparkasse.

Sie sagt: „Ich liebe Kinder“. Sobald Olga Diewold in der Pausenhalle steht, sieht man, dass die Kinder auch sie lieben. Sofort wird sie umarmt.

„In Lohbrügge lebe ich privat, ich fühle mich in Bergedorf zu Hause“, sagt sie. Sie lebt mit ihrem Sohn und ihrer Tochter in Lohbrügge. Ihre Tochter ist START-Stupendiatin. „Ich bin beeindruckt, wenn ich sehe, wie sie Verantwortung übernimmt“, staunt Olga Diewold.

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Die stille Villa

Marisa Reyero de Starke wohnt und arbeitet in einer roten Backsteinvilla. „Heute leben hier drei Generationen und wir haben viel Besuch“, erzählt sie. Das Ehepaar mit vier Kindern ist 1989 in die Villa in Lohbrügge gezogen und hat das Haus mit viel Liebe renoviert.

Marisa Reyero de Starke aus Spanien

Frau Reyero de Starke lebt seit 48 Jahren in Deutschland. Länger als das halbe Leben. 1970 haben sie und ihr Mann geheiratet, seit 1980 ist sie deutsche Staatsbürgerin. „Mir wurde immer gleich geholfen“, sagt sie, wenn man nach ihren Erfahrungen mit der Einwanderung fragt.

Sie sitzt vor dem Gartenfenster auf der Fensterbank. Der Lieblingsplatz der Enkelkinder. Marisa Reyero de Starke singt im Chor der Erlöser- und der Gandenkirche. „Dadurch habe ich sofort Zugang zu den Menschen gefunden“, erzählt sie. In den ehemaligen Kinderzimmern hat das Ehepaar Starke ihre Heilpraktikerpraxis und seine Logopädiepraxis eingerichtet. Im Wartezimmer zeigt sie uns ihre kleine Märchenbühne. Ihren Kindern, in der Gemeinde und bei Kindergeburtstagen hat sie damit Märchen erzählt. Grimmsche Märchen. Die Märchenbühne ist selbst gebaut und hinten befindet sich eine Rolle mit Märchenbildern.

Der Lieblingsplatz der Heilpraktikerin ist die Fensterbank vor dem großen Gartenfenster, wo von aus sie ihre unendlich anmutende Kraft schöpft.

Mit 53 hat Frau Reyero de Starke ihre Heilpraktikerausbildung begonnen. Für ein Medizinstudium fand sie sich zu alt. Heute mit 69 Jahren sagt sie: “Im Kopf denkt man, man hat noch Zeit. Ich mache gern Ausbildungen.“ Sie überlegt, ob sie eine Qigong-Ausbildung machen möchte. Fortbildungen für die Tätigkeit als Heilpraktikerin macht sie zwei Mal im Jahr. Eine Querflöte liegt auf der Liege in ihrer Praxis. „Musik ist mir wichtig. Ich lerne Flöte bei der Kantorin der Gnadenkirche“ erzählt sie. Ihren Kindern hat sie spanische Lieder vorgesungen und sie haben alle ein Instrument gelernt.

In den 70er Jahren hat die Familie ein Jahr in Amerika gelebt, nach Spanien zurück zu ziehen, war nie geplant. „Mich reizt die Ferne“, sagt sie lächelnd. Ihr Mann und sie gehen gern auf Kreuzfahrt. Im April geht es nach Amerika.

Fühlt sie Frau Reyero de Starke als Spanierin oder als Deutsche?

„Ich fühle mich hier zu Hause, aber wenn ich in Madrid Musik höre, tickt mein Herz spanisch“, antwortet sie. Nach Spanien habe sie nie Sehnsucht gehabt, „ich habe mich mit meiner Familie und der meines Mannes immer sehr verbunden gefühlt.“ Mit ihren vier Geschwistern telefoniert sie oft.

Die Stille in der Villa hört man, wenn der Fotograf seine Bilder macht. Die Kamera klickt erstaunlich laut. Zwei Wochen im Monat sind die Enkelkinder im Haus, dann ist es nicht leise.

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Vom Maurer zum Stellvertretenden Abteilungsleiter

Mahmut Tepe und seine Familie sind seit 1991 deutsche Staatsbürger. Er ist 1970 mit 21 Jahren nach Deutschland gekommen, um zu arbeiten.

Heute sagt Herr Tepe: „Wenn ich in der Türkei bin, vermisse ich Deutschland und wenn ich in Deutschland bin, vermisse ich die Türkei.“

Jeden Mittwoch trifft Herr Tepe seinen Besten Freund, Herrn Cerik in der Moschee. Anschließend gehen die beiden Kaffeetrinken.

Jeden Mittwoch trifft Herr Tepe seinen Besten Freund, Herrn Cerik in der Moschee. Anschließend gehen die beiden Kaffee trinken.

Wir treffen ihn vor der Bergedorfer Moschee. Herr Tepe führt uns in den Gemeinderaum, wir bekommen Kaffee. Die Erinnerungen sprudeln nur so aus dem Mann, der sich als gewissenhaft und pünktlich beschreibt.

Damals, als man ihn Anfang 1970 nach Deutschland schickte, hatte er einen Vertrag über ein Jahr. Er war Gastarbeiter und teilte sich zunächst ein Zimmer für vier Personen mit zwölf Kollegen. Das sah der Betriebsrat nicht gern und so kamen die Kollegen in ein Ferienhaus.

Herr Tepe war als Maurer nach Hamburg geschickt worden und arbeitete zunächst in 12-Stundenschichten in einer Betonfabrik in Moorfleet. Dann begann er, als Handformer in den Bergedorfer Eisenwerken zu arbeiten.

„Die Luft war schecht dort.“ Erzählt Mahmut Tepe. Als die Bergedorfer Eisenwerke vom Alfa-Laval Konzern übernommen wurde, zog die Gießerei nach Glinde. „Es war sehr gefährlich dort, deswegen habe ich gekündigt.“ Herr Tepe hatte damals schon seine Familie.

Seit 21 Jahren deutscher Staatsbürger ehemals aus der Türkei.

Er bedauert, dass sein Deutsch schlechter geworden sei, seit er in Rente ist. Das hindert ihn nicht, schnell und viel aus seinem Leben zu erzählen. Er hatte viel mit Deutschen zu tun auf der Arbeit und beim Deutsch-Türkischen-Arbeitskreis in Bergedorf. „Mal trafen wir uns bei einer Lehrerin, mal bei Ewald Johannsen zu Hause“, erzählt er. Er selbst hat keine Schulbildung. Seine Familie war zu arm. Für die Bildung von Zuwandererkindern hat er sich dennoch eingesetzt.  Es ging darum „die Kinder aus der Sonderschule zu holen“, sagt er, „die deutschen Kollegen haben geholfen.“ Mahmut Tepe ist stolz auf seine Kinder: „Sie haben alle Abitur und einen Studienabschluss.“

Was ihm an Deutschland besonders gefällt: „Es ist ein demokratisches Land, ich habe bei der Gewerkschaft gelernt, wie wichtig echte Demokratie ist.“ Deswegen ist Familie Tepe in Deutschland geblieben. „Unsere Kinder fühlen sich wie Deutsche“ ist eine weitere Begründung.

Mahmut Tepe hat sich vom ungelernten Maurer zum stellvertretenden Abteilungsleiter hochgearbeitet. „Ich hatte gute Zeugnisse“ erzählt er lächelnd. Seine offene und hilfsbereite Art wird dazu beigetragen haben. Wie bei vielen ehemaligen Gastarbeitern, hat die Schwerstarbeit seinem Körper ihren Tribut abgefordert. Herr Tepe ist seit 1998 in Frührente.

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Bildung ist wichtig

Wer mit Laila Halim sprechen möchte, sollte lieber vorher einen Termin vereinbaren, denn sie ist eine viel beschäftigte Frau.

Laila Halim und ihr Mann haben 1990 aus politischen Gründen ihr Heimatland Afghanistan verlassen. Heute sind sie deutsche Staatsbürger und leben mit ihren vier Kindern, die in Deutschland geboren sind, in Lohbrügge. Die ältesten zwei Söhne haben bereits ihr Abitur. Der dritte Sohn und die Tochter gehen auf das Gymnasium.

Laila Halim aus Afghanistan – arbeitet als Schneiderin in Lohbrügge.

Die Frage, was damals neu und anders für sie war in Deutschland, beantwortet sie so: „Die Sicherheit und dass man sich frei bewegen konnte.“ In Afghanistan war und ist diese Sicherheit nicht gegeben.

Der größte Teil ihrer Familie lebt heute ebenfalls außerhalb Afghanistans, und zwar in England, Frankreich, Pakistan und Aserbaidschan.

Laila Halim würde sich jedoch wünschen, dass ihre Kinder einmal ihre Heimatstadt Kabul kennen lernen, aber es scheint ihr immer noch zu gefährlich zu sein, ihre Familie dort einige Zeit leben zu lassen. Sie ist froh, dass ihr ältester Sohn, der in Hamburg Wirtschaftsingenieurwesen studiert, in Deutschland den Kriegsdienst verweigert hat und sagt: „Ich lasse es nicht zu, dass meine Kinder in den Krieg gehen.“ Sie erläutert, dass sie genug unter dem Krieg in Afghanistan gelitten hat und noch heute deshalb Albträume hat. Dieses Trauma teilt sie mit allen, die diesen Krieg erleiden mussten und immer noch müssen.

Eine eigene Meinung basiert auf einer guten Bildung.

Sie befürchtet, dass es Bürgerkrieg geben werde, wenn die ausländischen Truppen das Land verlassen. Dass die Alliierten jedoch ohne eine Strategie für die Zukunft einmarschiert sind, gefällt ihr nicht. „Demokratie kann man nicht erzwingen. Erst brauchen die Menschen Bildung und dann kommt die eigene Meinung“, ist Laila Halim überzeugt.

Sie engagiert sich für die Bildung afghanischer Kinder in Hamburg, denn Kinder brauchen eine gute Schulausbildung und benötigen dafür die Unterstützung ihrer Eltern, auch in Schulgremien wie dem Elternbeirat.

Die quirlige Frau erzählt, dass Ihr Sohn manchmal meint, sie betätige sich zu viel ehrenamtlich, ihr Mann unterstütze sie aber bei all ihren Aufgaben mit Geduld.

Mehr Engagement wünscht sich Laila Halim von in Deutschland lebenden Migranten: “Ich möchte, dass mehr Migranten für Bildung und Integration kämpfen, dass wir zusammenstehen und einander helfen.“

Laila Halim engagiert sich weiterhin mit Leidenschaft für dieses Ziel, denn sie sagt: „Wenn es den anderen gut geht, geht es mir gut.

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Die Macherin

Die Macherin läßt sich ihre Weiblichkeit trotz aller Widrigkeiten nicht nehmen.

Anastasia Umrik hat kein Geld, aber einen Plan. „Die Zeit kann kurz werden“, dachte sie, nachdem sie im Winter drei Wochen mit einer Lungenentzündung  im Krankenhaus verbracht hat. Sie hat Muskelschwund und Infektionen sind für sie viel gefährlicher als für gesunde Menschen.

Sie veröffentlichte eine Anzeige, mit der sie Fotografen suchte. „Die vier Besten habe ich ausgesucht“, erklärt Anastasia Umrik mit absoluter Selbstverständlichkeit. Das Fotoprojekt soll Situationen aus dem Leben von Frauen mit Muskelschwund zeigen. Die Idee hatte Umrik schon 2010: „Viele waren begeistert und haben gefragt, wie ich das finanzieren will.“ Die Finanzierung steht nicht, alle arbeiten ehrenamtlich mit. Es sollen eine Ausstellung und ein Buch entstehen.

Ihre Form der Muskelschwunderkrankung ist progressiv, das heißt, Anastasia Umrik kann sich immer weniger bewegen. Wie es ist, wenn die Muskelkraft immer weiter nachlässt, aber der Geist wach bleibt, beschreibt sie so: “Man hat genug Zeit sich daran zu gewöhnen. Ich spüre die Veränderung gar nicht. Nach zehn Jahren merke ich: Das konnte ich mal, jetzt kann ich es nicht mehr.“ Aber Angst mache es schon, zu wissen, dass sie das Wasserglas irgendwann nicht mehr selbst heben kann. Sie schaut ernst, aber nicht ängstlich.

Assistenz heißt Betreuung rund um die Uhr – tagein, tagaus.

„Die Assistenz bedeutet Freiheit für mich“ erklärt sie. Anastasia Umrik ist 24 Jahre jung und sowohl Arbeitgeberin als auch Arbeitnehmerin. Sie war auf einer Schule für Körperbehinderte, auf der Handelsschule und ist Groß- und Außenhandelskauffrau. Bei der Assistenzgenossenschaft hat sie eine halbe Stelle. Frau Umrik benötigt rund um die Uhr Assistenz, das heißt, es muss immer jemand da sein, der ihr hilft. Zum Beispiel, um die Tür zu öffnen. Sie selbst schreibt die Stellen aus, sie teilt die Dienste ein und sie bezahlt die Assistentinnen. Das Geld dafür bekommt sie vom Sozialhilfeträger und der Pflegeversicherung. Dafür darf sie kein höheres Vermögen als 2600 Euro ansparen.

Jeden Tag arbeitet sie zwei bis drei Stunden für ihr Fotoprojekt, an Tagen mit Fotoshootings werden es mehr. Wir sitzen in ihrer modern eingerichteten Wohnung. Es stehen weiße Orchideen im Fenster, auf der dunkelbraunen Couch liegen cremefarbene und türkise Kissen. Es stehen keine Bilder herum. „Die Deko fehlt noch“, sie lächelt: „ich hatte einfach noch keine Zeit dafür.“

„Die üblichen Sachen aus dem Leben“, möchte sie mit Models darstellen, Fragen stellen und provozieren möchte sie auch. „Wie würde die Gesellschaft reagieren, wenn eine Prostituierte im Rollstuhl sitzt?“ Fragt sie und probiert es mit einem Model aus. „Es gibt ja so unbedachte Aussagen, wie ‚an den Rollstuhl gefesselt’, das stellen wir auch mal dar“, erklärt sie.

„Weil ich öfter gehört habe, wie ist das bei Euch im Bett?“ wird es auch Erotik-Shootings geben. „Es kann schön sein, auch wenn der Körper etwas anders aussieht“, erklärt sie. Die Models spricht sie selbst an, sie kommen auf eigene Kosten nach Hamburg.

So verschmitzt Anastasia Umrik auch wirkt, es ist nicht einfach ein nettes Hobbyprojekt. Ernst wird sie beim Thema Sterbehilfe: „Selbst entscheiden, wann man stirbt.“ Sterbehilfe ist in Deutschland verboten, man kann also nur freiwillig aus dem Leben scheiden, wenn man sich genug bewegen kann.

Und wie reagieren nicht Behinderte in im täglichen Leben? Oft „nett und normal“, aber „manche Menschen sind sehr distanziert. Sie haben vielleicht Ängste und reagieren mit Kontaktvermeidung.“

„Im Winter veranstalte ich eine Benefizparty“, das ist Umriks Plan zum Geld sammeln. „Ich bin eine Rampensau“, sagt sie und zwinkert. Überhaupt wirkt Frau Umrik sehr souverän. „Weil Muskelschwund Frauen körperlich schwach sind und sich nicht beim Joggen abreagieren können, sind wir mental stark“, erläutert sie. Überdurchschnittlich viele haben einen hohen Bildungsgrad. „Wir ermüden selten, und wenn geben wir es nicht zu“, sagt sie. Wegen der Ausgrenzung „will man auch zeigen, was man kann.“

Ab Herbst wird sie studieren. Dann gibt sie die halbe Stelle auf und beantragt Bafög. Chefin sein, arbeiten, das Projekt weiterführen und studieren wäre selbst für Anastasia Umrik zu viel.

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In der Warteschleife – Teil 6

Kunst als Ein-Euro-Job?

Nur, wenn es anders nicht geht.

Drei etwas andere Künstlerportraits.

17 Quadratmeter, selbst gestrichen

Wer auf der Veddel schon einmal durch den S-Bahntunnel gegangen ist, der kennt Originale von Martin Götze. Dort hat die KOM von 2009 bis 2010 ein Walldesign-Projekt durchgeführt. Er war einer der Maler. Das erfahren wir, als wir ihn zu Hause besuchen. „Möchten Sie Pfefferminztee oder Kräutertee?“ fragt er.

Wir setzen uns. „Größer wird es nicht“, sagt Herr Götze. Siebzehn Quadratmeter ist seine Wohnung klein. „Aber das Bad und die Küche haben Fenster, weil die Wohnung am Rand liegt“, erklärt er. In eine größere Wohnung umziehen kann er nicht, so lange er von Hartz IV lebt. Theoretisch könnte er maximal 45 Quadratmeter bewohnen. Parktisch sitzen wir auf seiner Schlafcouch vor dem Hocker, der als Tisch dient. Einen Schreibtisch mit Fernseher hat er in der Ecke stehen und einen gepolsterten Bürostuhl. Die Wände sind hellgrün mit einem Streifen in Apricot, der den Raum auf etwa auf einem Drittel Höhe einrahmt, gehalten. Ohnehin ist es sauber und ordentlich.

Eine Wohnung mit 17 Quadratmetern Fläche stimmen uns nachdenklich, aber es geht.

Eine Wohnung mit 17 Quadratmetern Fläche stimmen uns nachdenklich, aber es geht.

„Es ist ein Hobby, du musst ja nicht davon leben“ habe ein Schlossermeister zu ihm gesagt, als es um den Preis seiner Bilder ging. „Die Leute wollen nur die Materialkosten zahlen“, erzählt Herr Götze. Er würde gern davon leben können. Das Bild mit der Moritz stand drei Wochen in einem Buchladen im Schaufenster und die Kunden haben nach dem Preis gefragt. 300 Euro waren zu teuer, nun steht es an die Wand gelehnt in seiner Wohnung. Eineinhalb Monate habe er daran gemalt. „Das sind 50 Cent die Stunde, wenn man das mal umrechnet“, sagt er. „Vielleicht werde ich entdeckt“ fügt er mit einem Augenzwinkern hinzu. Herr Götze macht Fotos, die er dann als Vorlage nimmt. Für die Bilder im Veddel-Tunnel waren es 700, von denen er 300 als Vorlagen ausgewählt hat. „Für das Schilf habe ich Gras fotografiert. Ich bin ganz nah ran gegangen“ erklärt er und zeigt eine Postkarte mit seinem Motiv. „Ich habe gesehen, wie eine Möwe einer Ente das Brötchen aus dem Schnabel geklaut hat“, erzählt er. Den „Überfall aus der Luft“ habe er nicht fotografieren können. Die Kamera habe zu langsam ausgelöst.

Aufgeben, gehört nicht zu seinem Charakter, das zollt uns Respekt.

Aufgeben, gehört nicht zu seinem Charakter, das zollt uns Respekt.

Das riesige Bild mit den beiden Engeln liegt zusammengerollt im Schrank. Herr Götze malt gern großformatig. „Wie groß kann man malen?“, das habe er probiert, erzählt er. Drei Wochen hat er gebraucht. „Das ist einfach, man hat ja nur große Flächen“, sagt er. Einen Haken gibt es doch, gibt er zu: „Man muss aufpassen, dass man die Perspektive nicht verhaut.“

Martin Götze wird ein Vorstellungsgespräch bei einer Verleihfirma haben. Wäsche für eine bekannte Modemarke sortieren, in Moorfleet. Er erklärt: „Die kennen mich ja schon, da kann ich es doch noch mal probieren.“

Drei Meinungen über die Arbeitslosigkeit

Während der Gespräche mit den Künstlern habe ich nicht das Gefühl, mit Arbeitslosen zu sprechen. Ich spreche mit drei sehr beschäftigten Menschen, die eine Meinung zur Arbeitslosigkeit haben, die aktiv durchs Leben gehen und ich spreche mit Menschen, die malen. Die sich einbringen möchten, die auf sich aufpassen und zur Gesellschaft etwas beitragen möchten. Sie warten aktiv auf ihre nächste Chance.

Ende

© Text Sigrun Friederike Priemer | © Fotos Cornelius Kalk

In der Warteschleife – Teil 5

Kunst als Ein-Euro-Job?

Nur, wenn es anders nicht geht.

Drei etwas andere Künstlerportraits.

Zwei Katzen und „die Maler“

Grün ist die Nachbarschaft von Martina M. Sie wohnt in einer Wohngemeinschaft mit ihrem Mitbewohner und zwei Katzen. Die helle Küche ist gemütlich. „Die Katzen dürfen viel bei uns“, erläutert sie. Säckchen und Lenny schauen sich den Besuch genau an. „Die Tiere sind psychisch wichtig für mich“ erklärt sie. Obwohl die Katzen tatsächlich ungestört auf den Tisch dürfen, wirkt das nicht unangenehm.

Martina M. mit ihrem ausgezeichneten Bild, das ihre Erfahrungen mit Hartz IV darstellt in ihrer eigenen, die sie mit zwei Katzen teilt.

Die Wände sind mit eigenen Bildern dekoriert. Besonders gern schaut M. aus dem Küchenfenster. Sie wohnt im obersten Stockwerk und hat einen unverstellten Blick auf den Himmel über dem großen Innenhof. Martina M. zeigt ihre Skizzenbücher. „Ich male assoziativ“ erklärt sie. In der KOM hatte sie an einem Kochbuch mitgearbeitet. Laut Richnow, war sie diejenige, die die Gruppe motiviert hat und sehr viel beigetragen hat. Zum Thema Kochen und Kochbuch fallen ihr gleich mehre Beispiele ein: „Die Wut kocht hoch“, „Hunger und seelischer Hunger“, „ohne Essen würden wir nicht leben“. Sie sagt auch: „Ich mache etwas, das nicht nachgefragt wird.“

An der U-Bahn-Station Saarlandstraße kann der aufmerksame Beobachter die Künsterlin mit ihrem Skizzenbuch treffen. In jeder Minute Wartezeit entstehen neue Ideen und Gedanken, die sogleich im Buch festgehalten werden.

An der U-Bahn-Station Saarlandstraße kann der aufmerksame Beobachter die Künsterlin mit ihrem Skizzenbuch treffen. In jeder Minute Wartezeit entstehen neue Ideen und Gedanken, die sogleich im Buch festgehalten werden.

Martina M. hatte beim ersten Treffen davon erzählt, dass sie in der U-Bahn in ihr Skizzenbuch male. Wir fahren mit ihr die Strecke von der Saarlandstraße bis zu den Landungsbrücken. Alle sind sich einig, dass es die schönste U-Bahnstrecke Hamburgs ist, weil die Bahn hier überirdisch fährt. Die Sonne scheint. Martina M. setzt sich auf die Holzbank in der Station und macht uns vor, wie sie malt. Drei Minuten später steigen wir ein und setzen uns. Sie schaut sich um, und schlägt das Buch auf, der Fotograph knipst und ich schaue zu. Hinter ihr sitzt ein Pärchen, das uns beobachtet und versucht freundlich zu schauen, falls es mit auf das Foto kommt. „Es ist schwierig, zu schweigen, mit Leuten, die man gar nicht so gut kennt“, kommentiert sie die ungewöhnliche Situation. Es bleibt nicht beim Schweigen. „Bitte schreiben Sie, dass ich Irene Velthuis dankbar bin. Sie hat mich wieder ans Malen herangeführt“, sagt sie. Vor zehn Jahren in der Malschule habe sie begonnen ihren Weg zu gehen. Sie erläutert wie sie sich inspirieren lässt. Sie sehe Werbeanzeigen, komische Mäntel oder Gesichtsausdrücke von anderen Fahrgästen und dann malt sie. Einfach so, ein Gesicht, einen Bogen darum.

Die Inspiration kommt von überall her.

Martina M. selbst hat sich der Gruppe „Die Maler“ angeschlossen. Die nächste Ausstellung wird geplant. Wie in der KOM auch, schätze sie den Austausch. „Eingebunden sein, das Soziale, das tut gut“, findet sie.

Teil 6 folgt…

© Text Sigrun Friederike Priemer | © Fotos Cornelius Kalk